«Gion da Farglix» – Mythos eines unzähmbaren Bündner Bergbauern

Der Schriftsteller und ehemalige Kabarettist Heinz Lüthi erzählt die Geschichte eines sperrigen Bergbauern, der des Mordes verdächtigt wird. In einer dichten Mischung aus historischem Roman und Kulturführer nähert er sich dabei dem Val Lumnezia an.

Grünes Tal, Wolken werfen grosse Schatten über die sonst sonnige Landschaft.

Bildlegende: Das Val Lumnezia im Bündner Oberland ist die Heimat des Gion da Farglix. Keystone

Als an Fronleichnam des Jahres 1892 die Magd Maria Caminada nach dem Kirchgang ins Haus ihres Meisters tritt, tropft Blut von der Decke auf den Stubenboden. Oben in seiner Kammer liegt der Knecht Gion Rest Caminada, ihr eigener Sohn, von einer Gewehrkugel tödlich getroffen. Erster und einziger Tatverdächtiger: Der Hausherr, Gion Giachen Solér, genannt Gion da Farglix.

Ein Wüterich, verstritten mit Staat und Kirche

Gion da Farglix ist keine Erfindung von Heinz Lüthi: Solér lebte im 19. Jahrhundert im kleinen Weiler Farglix im Lugnez, dem Val Lumnezia, «Tal des Lichts», einem Bergtal im Bündner Oberland mit romanischer Bevölkerung – daher Gions Rufname: Gion da Farglix.

«Farglix» – das tönt wie eine Verwünschung: «verflixt». Auf eine Art verwünscht muss das Leben des Gion da Farglix tatsächlich gewesen sein: Als Bauernbub schaffte er es ans Gymnasium in Chur und Lindau, bricht aber ab. Anschliessend die Militärzeit, in der er sich bis zum Rang eines Leutnants hoch diente.

Die kleinen Rätsel um den Eigenbrötler

Dann aber: Der väterliche Hof in Farglix als letzter und einziger Lebensinhalt. Wollte Gion mehr vom Leben als das vorbestimmte Bergbauerndasein? War er aus Verbitterung zeitlebens mit den Bewohnern des benachbarten Dorfes Lumbrein verfeindet, am allermeisten mit der Kirche? Verwickelt in Schlägereien und Gerichtshändel? Seine Magd schien auch seine Bettgenossin zu sein: War er der Vater ihrer Kinder? Man weiss nur: Er weigerte sich, sie zu heiraten. Warum? Viele Rätsel existieren um diesen Eigenbrötler, diesen Alleinherrscher in seinem kleinen Reich.

Mit dem ermordeten Knecht – vor Gericht gab er erstmals an, es sei sein Sohn gewesen – habe er an jenem Fronleichnamstag gestritten. Ein gültiges Alibi hatte er nicht. Was Wunder, dass man nicht seriös nach einem anderen Mörder suchte?

Aber so eindeutig die Vorverurteilung ist, so wenig kann ihm die Tat nachgewiesen werden: Gion da Farglix wird vom Gericht in Chur freigesprochen. Danach wird es ruhig um ihn, er stirbt zwei Jahre später. Der Mörder von Gion Rest wird nie gefasst.

Erstanden aus Archivstaub und dichter Beschreibung

Amtliche Dokumente werfen spärliches Licht auf das Leben dieses sperrigen Bergbauern. Heinz Lüthi lässt aus diesem Archivstaub ein Leben erblühen. Die Farben für sein Charakterbild entnimmt er seiner Fantasie.

Lüthi spekuliert, fragt, schildert in anekdotischen Szenen die Bergbauernrealität des 19. Jahrhunderts. Er zeichnet den Lebensweg des Gion da Farglix mit viel historischem Detailwissen und mit schönem Sprachgefühl nach.

Dabei ist dieser Gion im Lugnez kein Unbekannter: Noch heute erzählen sich die Einheimischen Legenden über ihn, sagenhafte Überhöhungen seiner Kraft und seiner Bosheit. Einmal soll er zwei Lumbreinern einen mächtigen Baumstamm auf den Schlitten geladen haben, so ungestüm, dass der wertvolle Schlitten zersplitterte. Lüthi hält sich in seiner Geschichte aber an das, was dokumentarisch überliefert ist.

«Annäherung an ein Bergtal»

Dennoch ist «Gion da Farglix» mehr als ein historischer Roman. Heinz Lüthi bindet das Leben seines Helden an sein eigenes Leben an. Das Lugnez ist dem Autor seit Jahrzehnten zur zweiten Heimat geworden. Wir erfahren von der heutigen Bergtalrealität, der Abwanderung, der Überalterung.

Lüthi schildert den Postkutschenverkehr im Lugnez des 19. Jahrhunderts genau gleich präzise wie die Milchmenge, die Zulieferer, den Absatz der modernen Cascharia Lumnezia – der heutigen Käserei im Dorf. Auch den kontemplativen Blick des Poeten verwehrt er uns nicht: Mit eigenwilligem Wortschatz schildert er die Berglandschaft.

Porträt von Lüthi vor Bergkulisse

Bildlegende: Heinz Lüthi in seiner zweiten Heimat, dem Lugnez. ZVG

Gemeinschaft ohne Entkommen

Das ist nicht immer gefeit vor Idealisierungen und Dämonisierungen. Wenn Lüthi beispielsweise auf der Fahrt von Zürich ins Bündnerland schildert, wie trostlos die endlose Agglomeration ist im Vergleich zur landschaftlichen Wildheit und Schönheit im Lugnez.

Hier, in dieser Randregion, kennt man einander, hier hilft man einander auch heute gegen die Kräfte der allgegenwärtigen Natur. Und hier kann man noch die Verflechtungen einer Gemeinschaft erleben, wie sie am Aussterben ist.

Eine Gemeinschaft, auf die jeder angewiesen ist, der aber auch keiner entkommt. Vielleicht war diese Zwangslage der Grund für den lebenslangen Kampf und Krampf des Gion da Farglix mit seiner Umwelt.

Cabaret und Literatur

Heinz Lüthi war jahrelang Mitglied des Cabaret Rotstift, dieser Gruppe von kalauernden Lehrern, die mit ihrem zur Legende gewordenen Brachialhumor am Skilift oder im Autobahnstau in den 70er- und 80er-Jahren Dauergäste waren im Schweizer Fernsehen und auf den Kleinkunstbühnen. Aber Lüthi schreibt auch seit Jahren Belletristik.

Mit «Gion da Farglix» legt er ein kleines, feines Buch vor. «Annäherung an ein Bergtal» ist der Untertitel seiner historischen Studie. Dieses Versprechen löst er ein. «Gion da Farglix» ist auch ein reicher Kulturführer für das Lugnez.

Buchhinweis

Heinz Lüthi: «Gion da Farglix. Annäherung an ein Bergtal». Altberg Verlag, 2013.

Bücher über die Surselva

Nicht nur Lüthi befasste sich in den letzten Jahren literarisch mit der Surselva: Die Älplerin Pia Solér aus Vrin zelebriert mit «Die Weite fühlen» das Naturerleben und die innere Einkehr in den Berge. Und der Literatur-Jungstar Arno Camenisch aus Tavanasa beschreibt immer wieder die Kauzigkeit der Bergler, zuletzt in «Fred und Franz».

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