Günter Grass: Der linke Repräsentant ist verstummt

«Ich bin eine Person der Öffentlichkeit», hat er gesagt. Günter Grass war ein politischer Schriftsteller. Einer, der wirken wollte – und der etwas bewirkt hat in der deutschen Gesellschaft. Nun ist der Literatur-Nobelpreisträger und Autor des Jahrhundertromans «Die Blechtrommel» 87-jährig gestorben.

Die kleine Trommel ist sein Emblem. Die Trommel aus Blech, die den frühen, ganz grossen Ruhm bringt und Jahrzehnte später auch den Nobelpreis. Er war der Repräsentant der deutschen Literatur, und er wollte es sein. Günter Grass mangelte es nicht an Selbstbewusstsein, weder als Schriftsteller noch als politisch wirkender Intellektueller. Er war beides. Und das aus Überzeugung.

Munterschwarze Fabeln

Oskar Matzerath ist Grass' Leitfigur, der kleinwüchsige Trommler, der Glas zersingt und heftig gegen das Kleinbürgertum und die Nazis revoltiert. Er habe in «munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet», meint das Nobelpreiskomitee. Die deutsche Geschichte wird Grass Lebensthema.

1927 in Danzig geboren, erreicht er schon mit der Danziger Trilogie grosse literarische Erfolge, mit der Novelle «Katz und Maus» und dem zweiten Roman «Hundejahre». Mit Lyrik und Theaterstücken hatte er begonnen, aber die erzählende Prosa begründet seinen Ruhm.

Bürger Grass

Widerstand ist Grass' Leitmotiv und Kritik auch an den Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland, die er als reaktionär erachtet. Er engagiert sich im Wahlkampf für Willy Brandt und die SPD. Kein Radikaler, aber ein politischer Moralist, der mit seinen Büchern und öffentlichen Auftritten provoziert.

Als «Bürger Grass» sieht er sich selbst. Zum Aussenseiter taugt er nicht, der früh Mitglied «Gruppe 47» ist, den «Verband deutscher Schriftsteller» (VS) mitbegründet und bald zum literarischen Establishment der Bonner Republik gehört. Zolas «J'accuse» steht ihm nah. Selbstverständlich ist ihm der Anspruch anzuklagen, Gehör zu finden bei Politik und Medien. Im Widerspruch wird er so über die Jahre und Jahrzehnte zum Repräsentanten eines veränderten Deutschland.

Ein politischer Schriftsteller

«Ilsebill salzte nach», der erste Satz aus dem Roman «Der Butt» wird 2007 zum schönsten ersten Satz der deutschsprachigen Literatur gewählt. Den Georg-Büchner-Preis hat er schon 1965 erhalten. «Die Rättin» wird genauso verfilmt wie «Die Blechtrommel», die Volker Schlöndorff 1980 erfolgreich in die Kinos bringt.

Die deutsche Wiedervereinigung ist Thema in «Ein weites Feld», den Untergang eines Flüchtlingsschiffes auf der Ostsee behandelt Grass in der Novelle «Im Krebsgang» (2002). Von Kritik und Publikum zwiespältig aufgenommen, lancieren seine Bücher politische Debatten und verstärken Grass' Bedeutung als öffentliche Instanz.

Scharfe Kritik für ein Gedicht

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Günter Grass ist tot

3:52 min, aus Tagesschau vom 13.4.2015

«Werden die Kinder schulfrei kriegen?» fragt der Kritiker Fritz J. Raddatz ironisch aus Anlass der Feiern zu Grass' 80. Geburtstag. Die Reputation nimmt erst Schaden, als Grass 2006 bekennt, dass er im Alter von 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS war. Das späte Bekenntnis erschüttert Grass moralische Integrität, aber es zerstört sie nicht.

Noch einmal steht der Nobelpreisträger im Brennpunkt der Öffentlichkeit, als er im Gedicht «Was gesagt werden muss» die Politik Israels angreift. Die scharfe Kritik erntet international ebenso scharfen Widerspruch, politisch und in den Medien. Dabei bleibt es.

Staatsdichter

Als Schriftsteller fast verstummt, bleibt er seinen politischen Injektionen treu. Noch zuletzt forderte er von der deutschen Bundesregierung ein Eingreifen gegen das Flüchtlingselend und unterstützte den Appell deutscher Autoren gegen den Überwachungsstaat. Die Gesamtausgabe seiner Werke umfasst beinahe 9000 Seiten. «Staatsdichter» hat man ihn genannt. Ein Asteroid trägt seinen Namen und eine Kieselalgenart.

Auf die Frage «was soll auf Ihrem Grabstein stehen?» hat er geantwortet: «Mein Name. Mehr nicht.»

Grass erlag einer Infektion

Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass starb im Alter von 87 Jahren in Lübeck. Das teilte der Steidl Verlag in Göttingen mit. Laut einer Mitteilung auf der Website des «Günter Grass-Hauses» erlag der gebürtige Danziger einer Infektion. Weitere Informationen lägen derzeit noch nicht vor, sagte eine Sprecherin des Museums.

Sendehinweis

Radio SRF 2 Kultur wirft einen ausführlichen Blick auf das Leben und Schaffen von Günter Grass:

Sendung zu diesem Artikel

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  • Günter Grass anlässlich eines Interviews am 21. November 2013 in Lübeck.

    Zum Tod von Günter Grass

    Aus Rendez-vous vom 13.4.2015

    Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Grass zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Zeitlebens hat er sich in gesellschaftspolitische Debatten eingeschaltet.

    Casper Selg und Heinrich Vogler