Hansueli Probst über das Glück zu lesen und Radio zu machen

Radio war sein Leben. Nach über 40 Jahren bei Radio DRS und SRF geht Hansueli Probst in Pension. Man kennt ihn heute vor allem als viel beachteten Literaturkritiker. Seine Radiolaufbahn umfasste aber noch viele weitere Stationen. Es mag überraschen, dass darunter auch der Popsender DRS 3 auftaucht.

Hansueli Probst sitzt an seinem Bürotisch. Im Hintergrund stehen Regale mit viel Papier und Umzugskartons.

Bildlegende: Die Kartons stehen bereit, die Papiere sind noch nicht aussortiert: Hansueli Probst in seinem Büro. SRF / Patrick Bürgler

Die Umzugskisten stehen bereit, ein Teil der Schränke und Hängeregister ist bereits geleert, da und dort warten aber noch Bündel von Papieren aufs Aussortieren. Das Büro von Hansueli Probst sieht nach Abschied aus.

Ein Abschied vom Radio nach über 40 Jahren. Heute kennt man seine sonore Stimme vor allem als die des Literaturkritikers, auf dessen Urteil man sich verlassen kann. Doch im Verlauf der vier Jahrzehnte, die Hansueli Probst beim Radio arbeitete, war das nur eine, wenn auch sehr wichtige, Station.

Radio ist so wunderbar einfach

Der Germanist begann als Kulturredaktor und Moderator, wechselte in die Pressestelle, war Programmplaner und ging wieder zurück ans Mikrofon. Er leitete die Redaktionen «Reflexe» und «Passage», war stellvertretender Programmleiter von DRS 2 und übernahm dann die Literaturredaktion. Diesem Fachgebiet blieb er die letzten 15 Jahre treu bis zur Pensionierung heute.

Wo anfangen beim Rückblick? Hansueli Probst überlegt lange und sagt dann einfach: Beim Radio. Dieses Medium, das er so sehr schätzt. «Radio ist so wunderbar einfach», sagt er. Man kommt zu Besuch in der guten Stube, stellt ein Mikrofon hin und kann sich ungestört mit dem Gastgeber unterhalten – ein halbe, eine ganze Stunde oder länger.

Die Hektik missfällt ihm

Hansueli Probst gestikuliert im Gespräch mit Felix Schneider. Im Hintergrund der Solothurner Dom und die Aare.

Bildlegende: Zwei Kritiker zum letzten Mal in Solothurn: Hansueli Probst (l.) und Felix Schneider – jetzt sind beide pensioniert. Matthias Willi

Man kann sich Zeit nehmen, sich dem Gegenüber widmen – zumindest er konnte das noch, sagt Probst. Denn er sieht eine Entwicklung, die ihm nicht behagt: Die Hektik nimmt zu, es muss alles immer schneller gehen, immer kürzer gesagt werden.

Das missfällt ihm. Ihm, den seine Kollegen als sehr seriösen Journalisten bezeichnen. Sie meinen damit, dass er Wert darauf legt, sich einzulesen, vorzubereiten, nachzudenken. Hansueli Probst findet, das treffe es nicht schlecht: «Ich will erst dann reden, wenn ich etwas zu sagen habe.»

Das Radio verändert

Hansueli Probst ist ein kritischer Geist, der seine Wurzeln in der 68er-Generation nicht verleugnen kann – und auch nicht will. Das hört man, wenn er von den Anfängen erzählt. Damals in 1970er-Jahren, als er beim Radio begann.

Es sei eine Zeit des Aufbruchs gewesen, erinnert er sich, vor allem im Kulturbereich. Kultur im Radio hiess damals, dass man gescheite Vorträge von Persönlichkeiten ausstrahlte oder Konzertaufzeichnungen. Eine journalistische und kritische Vermittlung der Kultur gab es nicht. «Das wollte ich ins Radio bringen», sagt Probst. Als Programmplaner war er dafür in der richtigen Position.

Und nur wenig später war er in einer Rolle, die zu seinem heutigen Renommée als gestandener Kulturjournalist so nicht zu passen scheint: Hansueli Probst wurde Projektleiter für die Einführung von DRS 3, dem neuen Popsender der SRG. «Doch, doch», protestiert er sofort, «Rock war auch meine Musik: Beatles, Bob Dylan, cantautori.» Aber natürlich verstand er DRS 3 nicht nur als reinen Musiksender: «Wir wollten auch gesellschaftliche und kulturelle Themen auf dem Sender.» Sendungen wie «Input» und «Fokus» verdanken diesem Credo ihren Ursprung.

Probst, der Entdecker

Nun aber doch: Literatur. Was ist ein Buch für Sie, Hansueli Probst? «Ein Buch zu lesen, ist ein Glück», meint er. Das Glück im Herzen berührt, in Gedanken angeregt zu werden. Es sei die Freude in andere Figuren einzutauchen, mit Neugier fremde Welten zu erleben – und noch viel mehr.

Natürlich spricht er hier von den guten Büchern. Von denen hat er einige entdeckt, oder besser: Er hat einige Autorinnen und Autoren entdeckt, bevor sie gross in den Feuilletons auftauchten und Preise erhielten. Der Nobelpreisträger Imre Kertész ist so ein Name oder Melinda Nadj Abonji, die mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die Liste ist noch viel länger.

Man muss sehr viel lesen, um auf diese Perlen zu stossen. Aber auch dem professionellen Leser Probst fehlt die Zeit, alles zu lesen. Deshalb unterzog er die Bücher manchmal dem «Pendlertest». Wenn er abends schon etwas müde mit dem Zug nach Hause fuhr, begann er unter diesen erschwerten Bedingungen ein neues Buch zu lesen. Ein Buch, das ihn dann packte, so dass er zuhause unbedingt weiterlesen musste, hatte die erste Hürde geschafft. Und wenn er eindöste – na ja.

Begegnungen mit grossen Namen

Porträtaufnahme von Hansueli Probst. Er trägt ein Set mit Mikrofon und Ohrhörer.

Bildlegende: Am Mikrofon mit sonorer Stimme und überlegten Worten: Hansueli Probst in einer Livesendung. Matthias Willi

Die Frage nach der eindrücklichsten Begegung mit einem Autor scheitert: «Ich mag keine Superlative.» Aber es liegt nicht nur daran. Die Liste der Namen von Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Hansueli Probst interviewt hat, liest sich wie ein Who's who der Gegenwartsliteratur: von Bichsel zu Meienberg, von Eco bis zu Christa Wolf.

Da muss ihm die Auswahl schwer fallen. Probst nennt dann aber doch ein paar Namen: Max Frisch, dessen Klarheit im Denken er bewunderte. John Berger, der englische Schriftsteller, der in Frankreich lebt und auch Drehbücher schrieb für Alain Tanner. Imre Kertész, den Probst als sehr bescheidenen Menschen erlebt hat oder Agota Kristof, die nicht immer einfach im Umgang gewesen sei, aber doch bereit, in ihrer kargen Art über ihr Werk zu sprechen. Und zum Schluss Per Olov Enquist, den grossen schwedischen Autor, den Probst jetzt am Ende seiner Radiozeit noch einmal interviewt hat.

Es kommt die Ungewissheit – es bleibt die Neugier

Jetzt ist also Schluss. «Nicht mit Lesen, sicher nicht.» Dafür erhofft er sich mehr Zeit. Wie auch für Freunde, Familie und Reisen. Aber sonst hat er sich nicht vorbereitet auf die Zeit nach dem Radio. «Es ist für mich eine grosse Ungewissheit, was jetzt mit mir passiert.»

Eine Ungewissheit, der er sehr neugierig gegenüber stehe. Denn die Neugier wird Hansueli Probst nicht verlieren, diese Eigenschaft, die für ihn unabdingbar zum Journalismus gehört und auch sein ganzes Berufsleben geprägt hat.