Herbe Berge, karge Sprache – ein Älplerleben im 20. Jahrhundert

Im Roman «Ein ganzes Leben» zeichnet der Österreicher Robert Seethaler das Porträt eines wortkargen Sonderlings.
Stoisch erträgt dieser Sonderling sein Schicksal. Und mit eigensinnigem Blick schaut er aus dem Tal auf die vorbeieilende Welt.

Ein Bergdorf umhüllt von Nebel.

Bildlegende: Stoisch nimmt der Protagonist, ein Bergler, sein schweres Schicksal an. Keystone

Es ist die kräftige, sachliche, unentwegt rollende und dadurch eine eigene Poesie entwickelnde Sprache, die diesen jüngsten Roman Robert Seethalers auszeichnet. Es gibt kaum Adjektive, die Art der Schilderung scheint felsgrau, so wie das Tal in den Österreicher Alpen, in dem der Roman spielt.

«Ein ganzes Leben» bildet den knappen Lebensbericht des Berglers Andreas Egger, der um 1900 geboren wird, praktisch sein ganzes Leben in demselben Tal verbringt, dieses kaum je verlässt und im Alter von knapp 80 Jahren sanft entschläft.

Einer, der wenige Worte braucht

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«Ein ganzes Leben»: Besprechung im Literaturclub

17 min, aus Literaturclub vom 21.10.2014

«Als Kind hatte Andreas Egger nie geschrien oder gejubelt. Bis zu seinem ersten Schuljahr hatte er nicht einmal richtig gesprochen», heisst es auf einer der ersten Seiten. Der Erzähler spurt damit von Anfang an eines der zentralen Leitmotive vor, die den Roman bis zum Schluss durchziehen: die Wortkargheit. Sie äussert sich sowohl in der Sprache als auch im Charakter Eggers, dem alles Geschwätzige ein Graus ist.

Dabei gäbe es viel zu sagen, ist doch Eggers Lebensgeschichte eine Aneinanderreihung von dramatischen Schicksalsschlägen: Als Kind wird Egger von seinem sadistischen Pflegevater dermassen verprügelt, dass er fortan hinkend durch das Leben gehen muss. Nachdem er als junger Mann die grosse Liebe seines Lebens gefunden hat, verliert er diese bald wieder bei einem Lawinenniedergang.

Während des Zweiten Weltkriegs gerät er an die Ostfront und danach für Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Später dann – wieder zurück in seinem Bergdorf – entwickelt er sich mehr und mehr zum Sonderling und Aussenseiter. Man hält Egger für einen verschrobenen, verrückten Alten.

Einer, der sein Schicksal trägt

Dieser aber begegnet all den Heimsuchungen und Bürden, die das Leben für ihn bereithält, mit einer fast übermenschlichen Duldsamkeit. Der Mann lebt sein Leben in stoischer Ruhe, er scheint es einfach abzusitzen. Kurz vor seinem Tod zieht er Bilanz und kommt – wenig erstaunlich – zum Schluss, dass er mit dem Leben, wie es sich ihm zeigte, «im Grossen und Ganzen zufrieden sein» könne.

Seethaler vermeidet jegliche ausufernde Schilderung. Die unsentimentale Distanz ist sein schriftstellerisches Prinzip. Die gezeigten Bilder sollen für sich selbst sprechen. Verschiedentlich scheint dabei durch, dass Robert Seethaler nicht nur Romane sondern auch Filmdrehbücher schreibt.

An mancher Stelle zeigt sich dann aber, dass Film und Literatur doch zwei grundverschiedene Dinge sind. So droht etwa das Granitene, das dem Roman innewohnt und in einem Film durchaus wirken kann, im Buch an mancher Stelle ins Pathetische und Kitschige zu kippen.

Einer, der aus dem Tal aufs Jahrhundert schaut

Überzeugend ist jedoch, wie Seethaler seine Figur immer wieder auf das historische Geschehen blicken lässt, das ihn umgibt. Der Roman eröffnet damit eine ungewohnte Perspektive auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das Bild, das sich zeigt, ist allerdings weder ausgewogen noch vollständig. Gerade die von den steilen Felswänden des Bergtals beschränkte Sicht dieses einfachen, wenig gebildeten und von der Härte des Lebens gezeichneten Berglers ermöglicht überraschende Blicke auf Bekanntes.

So berichtet der Erzähler etwa mit einer erfrischenden Naivität, wie im Laufe der Zeit gleich reihenweise Seilbahnen in die bislang abgelegene Bergwelt gebaut werden. Oder wie der Massentourismus einbricht und Scharen von Wanderern und Wintersportlern das Tal bevölkern. Oder wie das Fernsehen das Wunder vollbringt, die erste Mondlandung der Amerikaner auch ins Bergdorf live zu übertragen. Robert Seethaler ist in seinem nur gut 150 Seiten umfassenden Lebensbild eine psychologische und historische Verdichtung gelungen, die den Protagonisten durch und durch plastisch macht und dadurch eine grosse Nähe zu ihm schafft. Die Lektüre dieses Buches dürfte kaum jemanden kalt lassen.

Buchhinweis

Robert Seethaler: «Ein ganzes Leben». Hanser, 2014.

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