Huch, räusper! Max Goldt perfektioniert den Clash der Rede

Comics ohne Bilder, geht das? Max Goldt versucht es und es gelingt. Der Titel «Räusper» ist Programm. Er führt zu den berühmten Bildgeschichten Walt Disneys und zurück in die deutsche Gegenwart. Denn: Entenhausen ist überall.

Buch, aus dem Sprechblasen herauskommen.

Bildlegende: Max Goldts Comic kommt ohne Bilder aus. Imago/Steinach

Wer seitlich vorbeigeht, kann auch einiges sehen. Max Goldt tut es, und er sieht genau hin. Da gibt es den freien Stuhl im Lokal und das unvermeidbare Kommunikationsrisiko, das er darstellt.

Da geht es um vegane Kuchen, unterfinanzierte Dinosaurierparks und «lästige Interviews mit der dummen Rockpresse!». Um Mitleid auch: «Mitleid in alle erdenklichen Richtungen».

Szenen einer Stadt des Mitleids

Die Szene spielt in einem Berliner Traditionslokal, unter Skatspielern, ein paar lauten Stammgästen, jungen Menschen mit Handy und einem alleinstehenden Herrn. Ein Bild friedlicher Koexistenz in Prenzlauer Berg oder im Norden Neuköllns, mit einer witzigen Pointe: Alle sind arm dran.

Da ist man sich sicher. Jeder denkt das über jeden in dieser Berliner Zufallsgemeinschaft. Jeder ist jedem Objekt gesteigerten Mitleids. «Mitleid ohne jede Konsequenz», wie Goldt sagt.

Unbefugte fordern ihr Recht

«Comic-Skripts in Dramensatz» nennt Max Goldt seine neuesten Alltags-Beobachtungen. Es sind Comics ohne Bilder. Ihr Personal wird wie im Theatertext eingeführt, die inneren Monologe durch Gedankenblasen angedeutet. Goldt schreibt Miniatur-Dramen, fast ohne Stoff, umso genauer dafür in Szenerie und Sound der Figuren.

Porträt eines Mannes im schwarzen Jacket, dessen Augen nicht unangestrengt nach rechts schauen, ohne dass er deswegen den Kopf gedreht hätte.

Bildlegende: Alles Goldt – auch was nicht glänzt: Max Goldt betrachtet einmal mehr seinen deutschen Alltag. Billy & Hells

«Hallo erstmal», sagt Cem Özdemir, der Vorsitzende der deutschen Grünen in einem anderen Text der Sammlung. Cem Özdemir hat ein grosses Büro und darin viel Platz für die «Unbefugten». Die kommen zu dritt und fordern Befugnisse, Rechte und Sonderrechte, die immer nur den Anderen zustünden, den Minderheiten, egal welchen.

Sie fordern die «Emanzipation der Unbefugten». Sie wollen Befugnisse, irgendwelche, für die, die davon naturgemäss immer zu wenig haben.

Mit Stil, Charme und Erika Fuchs

Sarkastisch ist das beschrieben und mit einem sicheren Gespür für Timing, das Goldts Bücher auszeichnet. Dieser Autor hat Sympathie für seine meist namenlosen Helden. Niemand wird karikiert, blossgestellt, lächerlich gemacht. Der Witz kommt aus der Situation, die gerade so forciert ist, dass sie aufmerken lässt.

Das hat Methode, die Max Goldt in bisher fast dreissig Büchern perfektioniert. Jetzt also «Räusper». Sein erster Titel im «Erikativ», benannt nach der deutschen Disney-Übersetzerin Erika Fuchs. Von ihr stammen die Lautkürzel wie «Grummel», «Stöhn» und «Räusper», die stilbildend sind.

Im Strom der Worte und Phrasen

Es geht um Stil bei Max Goldt, um den Stil, der auch Moral ist. Es gibt keine Handlung und keine Botschaft, auch keine Sprachlehre wie bei Karl Kraus. Es geht nur um das, was sich aus gehörter Sprache zusammensetzen lässt.

Um den Strom der Worte und Phrasen, um Slang und Formelsprache, den Clash der Rede, aus dem Goldts beste Texte entstehen. Den «Kleist-Preis» bekomme er auch für seine Comics, sagte Daniel Kehlmann 2010 bei der Übergabe im Berliner Ensemble. So ist es.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 3.12.2015, 16:20 Uhr

Buchhinweis

Weisse Schrift auf orangem Hintergrund: «Räusper»

Rowohlt Berlin Verlag

Max Goldt: Räusper. Comic-Skripts in Dramensatz, Rowohlt Berlin Verlag 2015.