Mundartkrimi, Tatort Ghana «Ich habe meine Wut beim Schreiben abreagiert»

«Schreegi Gschäft» sind in Ghana Alltag – weiss Mundart-Autor Franz Kohler aus eigener Erfahrung. In seinem gleichnamigen Krimi rechnet er ab.

Eine Goldmine in Ghana

Bildlegende: Franz Kohler empören die Missstände im Goldgeschäft in Ghana. Reuters Pictures

SRF: Franz Kohler, ihr Mundartkrimi spielt in Ghana. Woher kennen Sie das Land so gut?

Franz Kohler: Ich habe mehrmals bei der Non-Profit-Organisation «Medicine on the Move» auf einem Flugfeld in der Nähe von Accra Freiwilligenarbeit geleistet. Diese Organisation versuchte während 20 Jahren in Gegenden, die während der Regenzeit praktisch unzugänglich sind und wo deshalb jedes Jahr Menschen an den läppischsten Krankheiten sterben, die medizinische Versorgung zu verbessern.

Wir mussten diese Organisation 2015 in kurzer Zeit auflösen, das war eine regelrechte Evakuation. Damals habe ich gemerkt, wie gefährlich es in dem «cheibe Ghana» werden kann. Meine Kriminalgeschichte ist also gar nicht aus den Fingern gesogen.

Was gefällt Ihnen an Ghana?
Mir passen die Leute. Das sind oft unheimliche «Chrampfer»: Sie leben unter ganz miesen Bedingungen, aber man hat das Gefühl, sie stecken alles weg.

Was mir auch gefallen hat: Ich konnte meine Pfadfindermentalität befriedigen. Das Improvisieren hat mir gefallen. Ich habe alles geflickt, was unterwegs kaputt ging, habe Rasen gemäht, aber mein Hauptauftrag war im Prinzip, eine Autowerkstatt einzurichten.

Ihr Krimi spielt zum Teil auf diesem Flugfeld, handelt aber nicht von der Hilfsorganisation und ihrem Ende, sondern von dreckigen Goldgeschäften in Ghana. Worum geht es?

Ungefähr ein Drittel des BIP von Ghana basiert auf Goldgeschäften. Fakt ist, dass Ghana, zumindest bis vor den letzten Wahlen 2016, durch und durch korrupt war und dass Rechtssicherheit auf keine Art und Weise gegeben war. Da hat sich eine kleine Clique hemmungslos bereichert.

«  In meinem Krimi handeln zwei Schweizer Geschäftsleute illegal mit staatlichem Gold.  »

Im Goldgeschäft wird im grossen Stil geschmiert und Gold ist praktisch für Fluchtgelder. In meinem Krimi handeln die beiden Schweizer Geschäftsleute illegal mit staatlichem Gold und helfen, Schwarzgelder zu tarnen und Gold umzudeklarieren. Das sind Geschäfte, wie es sie wohl in der Realität auch gibt, obwohl man selten etwas Konkretes erfährt.

Haben Sie denn selber in Ghana Korruption erlebt?

Korruption ist alltäglich, da kommt man gar nicht drum herum. Ich erlebte etwa eine Szene am Zoll: Sie haben einen Vierzig-Fuss-Container geladen, der Zöllner geht um das Auto und sagt: «Well, let's make it ten thousand.» Er meint damit Schmiergelder.

«  Korruption ist in Ghana alltäglich.  »

Eine Quittung zu erhalten, ist gar nicht in Mode. Auch Steuern zu bezahlen, ist unglaublich spannend: Sie bekommen ein Blatt mit einer Zahl drauf. Aber wie die Behörden auf diese Zahl gekommen sind, das weiss kein Mensch.

Franz Kohler auf dem Flugfeld in Accra.

Bildlegende: Franz Kohlers Krimi basiert auf dem, was er auf diesem Flugfeld in Accra erlebt hat. Privat/Franz Kohler

In ihrem Buch geraten am Ende die beiden Helden in eine wilde Schiesserei. Haben Sie ähnliche Gefahren erlebt in Ghana?

Man hat mir im Voraus gesagt, es könne sein, dass geschossen wird. Und tatsächlich haben wir bewaffnete Überfälle auf das Flugfeld erlebt. Das waren harmlose Angreifer, Gelegenheitsknackis, die abgezogen sind, als sie merkten, dass wir auch bewaffnet sind.

Aber es war trotzdem ein sehr spezielles Gefühl. Und ich bin seither unendlich dankbar für die Rechtssicherheit in der Schweiz.

«E schreegi Gschicht»

Der Solothurner Privatdetektiv Georges Kaufmann erhält von einer Melanie
Schreiber den Auftrag, ihren verschwundenen Mann aufzufinden. Der
Auftrag ist faul, das spürt Kaufmann von Anfang an. Die Recherchen
führen ihn bald nach Accra, in die Hauptstadt von Ghana. Sein Freund
Fabian, der das Land kennt, begleitet ihn. Um an Informationen zu
kommen, werden die beiden selber kriminell, indem sie einen korrupten
Staatsbeamten zuerst erpressen, dann sogar entführen. Die Handlung führt
geradewegs in den Showdown, eine wilde Schiesserei in einem
Industriegebiet. Der Fall endet mit mehreren überraschenden Wendungen.

Ist Ihr Krimi eine Abrechnung mit der Korruption und schlechten Erlebnissen, die Sie in Ghana hatten?

Je mehr es auf die Evakuation des Hilfswerkes hinauslief, desto mehr merkte ich, wie meine Wut auf diese korrupten Banden zunahm. Die haben ein Hilfswerk, das dem Land etwas bringen wollte, einfach abgeschossen, kaputt gemacht. Pure Aggression, wie ich das vorher an mir nicht gekannt habe. Also ja: Ich habe meine Wut am Computer abreagiert.

Ihr Privatdetektiv Kaufmann kommt an den Punkt, wo er eine gewisse Genugtuung verspürt, den korrupten Beamten entführt zu haben und wo für ihn sogar denkbar wird, jemanden zu töten. Sind Sie selber an diese Grenze gekommen?

Hier in der Schweiz käme es mir im Traum nicht in den Sinn, eine geladene Waffe im Haus zu haben. Aber wenn ich in Ghana zum Beispiel am äussersten Zipfel des Flugfeldes alleine Gras mähte, kam schon der Gedanke, es wäre nicht schlecht, jetzt eine Waffe dabeizuhaben. Eine mir völlig fremde Emotion.

«  Ich habe das Potential, ziemlich grob zu werden. »

Ich hatte mich vorher als friedvollen Menschen eingeschätzt und musste plötzlich merken: Auch ich habe das Potential, ziemlich grob zu werden.

Das Gespräch führte Markus Gasser.

Sendung: Radio SRF 1, Schnabelweid, 13.4.17, 21:03 Uhr

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Franz Kohler

Der Solothurner Franz Kohler (*1955) studierte Deutsch und Englisch, lernte anschliessend Carrosseriespengler, machte eine Marketingausbildung und ist heute, nach vielen Umwegen, u.a. Coach und Organisationsentwickler. Daneben schreibt er Mundarterzählungen. «Schreegi Gschäft» ist sein erster Mundartkrimi, der aber noch nicht publiziert ist.

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