«Ich muss mir nichts mehr beweisen» – Klaus Merz wird 70

Am 3. Oktober wird der Schriftsteller Klaus Merz 70. Fast gleichzeitig erscheinen der siebte und letzte Band seiner Werkausgabe und der Dokfilm «Merzluft» über sein Leben. Darin analysiert eine illustre Herausgeberrunde seine Texte – mit überraschenden Einsichten. Auch für Klaus Merz.

Klaus Merz trägt eine Brille.

Bildlegende: «Wenn man das Auge dafür hat, findet man im Kleinen immer das Grosse»: Klaus Merz über seine Erzählweise. SRF / Lukas Maeder

Am 3. Oktober feiern Sie Ihren 70. Geburtstag und der letzte Band ihrer Werkausgabe erscheint. Wie ist das, noch zu Lebzeiten das gesamte Werk komprimiert überblicken zu können?

Klaus Merz: Ja, es freut mich, weil vieles drin ist, das bisher nicht in Buchform erschienen ist, wie zum Beispiel viele meiner Feuilletons. Erst war ich dagegen, eine Werkausgabe schon zu Lebzeiten zu erhalten. Nach einer schwierigen Krankheit wollte ich mich dem gar nicht stellen. Der Verlag hat mich überredet und gut eskortiert. Heute, fünf Jahre später, bin ich froh darüber. Jetzt ist dieser Sack zu, aber natürlich schreibe ich weiter.

Gibt es eine Lieblingsgeschichte in der Werkausgabe?

Ich habe stets möglichst sorgfältig gearbeitet. Die Werke «Jakob schläft», «Los» und «Der Argentinier» sind mir sehr wichtig, aber ebenso die Gedichte. Ich habe mit Gedichten angefangen und vielleicht höre ich mit Gedichten auf. Ich reduziere und komprimiere gern, suche die «poetische Aufgeladenheit», das lernt man mit den Gedichten.

Zu Ihrem 70. Geburtstag entstand der Dokfilm «Merzluft». Dort analysiert eine Herausgeber-Runde (unter anderen Peter von Matt, Melinda Nadj Abonji) ihre Texte. Wie ist das, andere über das eigene Werk reden zu hören?

Da ich bald 50 Jahre in diesem Betrieb bin, ist es für mich nicht so aussergewöhnlich, wenn über meine Texte gesprochen wird. Dennoch höre ich gern und gespannt zu. Im Film bringen die Herausgeber ihre Lieblingstexte. Sie gehen aber nicht davor auf die Knie, sondern reden miteinander darüber. Das gefällt mir, diese Augenhöhe.

Die Gespräche der Herausgeberrunde machen Literatur ja auch ein Stück weit erlebbar. Gab es da neue Erkenntnisse für Sie?

Ja, zum Beispiel, als Melinda Nadj Abonji beim Text «Archäologie» auf die vielen vertikalen, messerscharfen «i» hinwies. Sie armieren die Aussage geradezu. Beim Schreiben setze ich diese Wörter eher vom Gespür her so ein.

Arbeiten sie oft so intuitiv?

Literatur soll ja primär darstellen nicht explizieren, und so muss es auch in einem drinnen funktionieren. Natürlich gehört gedankliche Genauigkeit dazu, aber primär geht es darum, Bilder zu finden und sie in Sprache zu setzen.

Welche Filmbilder haben Sie beeindruckt?

Auf einer langen, geraden Strasse im Wynental erscheint am Horizont unverhofft die Silhouette eines Reiters – fast wie im Film «Paris Texas» – und weitet die Gegend. So finden wir plötzlich im aargauischen Wynental amerikanische Weiten. Es ist toll, wenn einem solche Bilder geschenkt werden. Und wenn man das Auge dafür hat, findet man im Kleinen immer das Grosse. Und umgekehrt.

Das entspricht Klaus Merz und seiner Erzählweise?

Das ist der Blick, den ich versucht habe zu entwickeln, ein ganzes Leben lang. Eher der Welthaltigkeit als der Weltläufigkeit verpflichtet. Es ist wichtig, Nähe und Distanz zum Eigenen zu wahren. Nah herangehen, um auch wieder kräftig abstossen zu können.

Wie geht es weiter nach diesen Jubiläen?

Ich arbeite an einem neuen Gedichtband. Wohl mit noch grösserer Gelassenheit als früher. Denn so ein Schuber beruhigt und stabilisiert. Eine Art Befreiung.

Zur Person

Klaus Merz, 1945 in Aarau geboren, machte eine Ausbildung zum Sekundarlehrer. 1967 erschien sein erster Gedichtband. Sein Werk umfasst Prosa, Lyrik, Hörspiele, TV-Drehbücher wie auch Kinderbücher. Er erhielt zahlreiche Preise – unter anderem den Gottfried-Keller-Preis, den Hermann-Hesse-Preis und den Hölderlin-Preis.

Ansichten: Schweizer Literatur

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Buchhinweis

Klaus Merz: «Werkausgabe in sieben Bänden», Haymon Verlag, 2015.

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