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Nachruf Im Dunklen heiter bleibend: der Poet und Citoyen Giovanni Orelli

Mit Giovanni Orelli verliert die Schweiz, und besonders die italienische, eine ihrer eigenwilligsten und wortmächtigsten Stimmen. Am vergangenen Samstag starb der Tessiner Schriftsteller im Alter von 88 Jahren. Ein Nachruf auf den engagierten Dichter, der sich Poesie und Politik mit Hingabe widmete.

Schwarzweiss-Porträt von Giovanni Orelli, 1998 in Lugano, lächelnd vor einer Bücherwand.
Legende: Dichter und kritischer Bürger: Giovanni Orelli, hier 1998 in Lugano. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Als Schweizer Autor italienischer Muttersprache befasste sich der verstorbene Giovanni Orelli immer wieder mit seinem Heimatland.
  • Seine Literatur verstand Orelli als Teil seines politischen Engagements: Er war etwa Mitglied der linken Tessiner Partei PSA.
  • In Erinnerung bleibt Orelli als kluger, engagierter und wortgewaltiger Zeitgenosse, bei dem Pessimismus und Hoffnung nicht weit auseinanderliegen.

Der Heimat gewidmet, doch kein Heimatroman

Gleich sein erster Roman «Der lange Winter» über den legendären Lawinenwinter 1951 im Nordtessin machte den Bauernsohn aus dem Bedretto vor 50 Jahren schlagartig bekannt.

«L’anno della valanga», so der italienische Originaltitel, ist ein berührendes, erfahrungsgesättigtes Buch über das harte Leben, zumal der stark geforderten Frauen in den Bergen, aber alles anderes als ein Heimatroman.

Dorfleben jenseits von Verklärung

Orellis Roman ist voller Verweise auf poetische Räume und Traditionen – eine bloss idyllische Sicht auf die Berge hat den Autor nie interessiert, wohl aber die Brechungen dieser teils archaischen Welt im Bewusstsein des hochgebildeten Schriftstellers.

Legende: Video Giovanni Orelli im Dokfilm «Weggehen, um anzukommen» (Ausschnitt) abspielen. Laufzeit 03:05 Minuten.
Aus Sternstunde Kunst vom 09.03.2014.

Ihm ist gelungen, der bäuerlichen Welt in der Dichtung eine Stimme zu geben. Freilich nie verklärend, sondern in der Ambivalenz von Bedrohung und Schönheit.

Wenn der Protagonist in «Der lange Winter» an sich selbst den Appell richtet: «Schwöre, niemals pathetische Elegien auf dein Dorf zu schreiben, das verschandelt werden wird», so hat sich der Verfasser bis zum Lebensende genau daran gehalten.

Das Gewissen der Gesellschaft

Gesellschaft und Literatur haben den enorm engagierten Autor – als Gymnasiallehrer in Lugano ebenso wie als kritischer Zeitgenosse, der lange für den aufmüpfigen linken «Partito socialista autonomo» (PSA) aktiv war – immer beide fasziniert. Von seinesgleichen, den Schriftstellern, forderte er mit eindrucksvoller Emphase, sie sollten als Kollektiv das Gewissen der öffentlichen Meinung sein.

Liebe zum Wort, Neigung zum Witz

Wann und wo immer ich während fast 40 Jahren dem liebevoll kantigen Autor mit dem kahlen Schädel und den voller Schalk blitzenden Augen begegnete, begrüsste er mich herzlich und begann sogleich wie ein Wasserfall zu sprudeln über poetische Perlen oder politische Perfidien – stets hellwach, klug, neugierig, sarkastisch, streitbar, vital und wortgewaltig, dabei witzig zu Ironie und Selbstironie begabt.

Die Liebe zur Sprache ist ihm schon als Kind im katholischen Umfeld, durch das Latein religiöser Hymnen, zugewachsen. Diese Liebe zum Wort spricht aus jedem Vers, aus jeder Zeile von Orelli.

Sein Werk zeugt von intimer Kenntnis der literarischen Tradition ebenso wie von eindringlichen Gesellschafts- und Naturerfahrungen – übersetzt in die sinnliche Prägnanz einer ganz eigenen Sprache.

Zwischen den Landesteilen

Als Schweizer Autor italienischer Zunge sah er sich dabei immer etwas zwischen den Stühlen – in Mailand als «Schweizer», in Zürich als «Italiener» gehandelt.

Indes hat sich Giovanni Orelli in seinen klugen Romanen mit seinem Heimatland und seiner Geschichte eigensinnig und eigenständig auseinandergesetzt: Im verspielten Roman «Monopoly» ebenso wie in seinem wohl bedeutendsten Roman «Walaceks Traum», auf Italienisch zum 700-Jahre-Jubiläum der Eidgenossenschaft 1991 vorgelegt, doch – kein Ruhmesblatt – erst 17 Jahre später auf Deutsch erschienen.

Sein Pessimismus folgte dem Prinzip Hoffnung

«Il sogno di Walacek» erzählt von Paul Klee und von dessen Bild des tschechisch-schweizerischen Fussballspielers Genia Walacek, der zu jener unsterblichen Schweizer Nationalmannschaft gehörte, die bei der WM 1938 Grossdeutschland besiegt hatte. Ein literarisch so glänzendes wie kühnes Buch, bis heute wohl unterschätzt, und auch ein Buch über die Opfer der Geschichte des vorigen Jahrhunderts.

Diesen Opfern hat Giovanni Orelli unermüdlich seine Stimme geliehen, seinen Grundpessimismus vom Prinzip Hoffnung her steuernd, im Dunklen heiter bleibend.

Zuletzt hat er sich stärker der Lyrik zugewandt, in kunstvollen Sonnetten, aber auch in leichthin komponierten Vierzeilern über den heissgeliebten kleinen Enkel. Und so bleiben uns von diesem wunderbar eigenwilligen Wortsetzer noch viele Verse zu entdecken.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 5.12.2016, 17:15 Uhr.

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Mehr zu lesen und zu hören über Giovanni Orelli gibt's auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

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