«Stumme Schwäne» Im Teufelskreis der Gewalt: Ece Temelkurans neuer Türkei-Roman

Ece Temelkuran schildert in ihrem neuen Roman «Stumme Schwäne» die Wochen vor dem Militärputsch von 1980. Für die türkische Autorin wurde damals der Samen für das heutige politische Chaos gesetzt.

Porträt der türkischen Journalistin Ece Temelkuran.

Bildlegende: Schildert die Wochen vor dem türkischen Militärputsch von 1980 aus der Sicht zweier Kinder: Ece Temelkuran. Muhsin Akgün

  • Ece Temelkuran ist eine bekannte Journalistin und Autorin der Türkei.
  • In ihrem neuen Roman «Stumme Schwäne» beschreibt sie den Militärputsch von 1980 – aus Kinderaugen.
  • Zwischen damals und heute erkennt Ece Temelkuran viele Parallelen.

Bomben auf Schmuggler

Ece Temelkuran hatte einmal zu viel die Dinge beim Namen genannt: Es waren nicht PKK-Kämpfer, die von der türkischen Armee Ende 2011 bombardiert und getötet wurden. Sondern fast alle männlichen Jugendlichen eines kurdischen Dorfes, die billigen Diesel aus dem Irak über die Grenze brachten.

Mit Bomben auf Schmuggler, wenn sie kurdisch sind: Solche Facetten eines zerrissenen Landes bilden die Grundlage von Ece Temelkurans neustem Roman. «Stumme Schwäne» schildert aus der Sicht zweier etwa achtjähriger Kinder die Wochen vor dem Militärputsch vom 12. September 1980.

Wurzeln des Chaos

Für Ece Temelkuran, die damals selber acht Jahre alt war, ist dieser Putsch eine Zeitenwende: «Ich glaube, 1980 war das Jahr, in dem sich das Schicksal der Türkei dramatisch veränderte. 1980 ist verantwortlich für den Aufruhr, den wir heute erleben. Damals wurde der Samen für das heutige politische Chaos gesetzt.

Nach dem Putsch von 1980 wurden ganze Generationen dazu erzogen, gehorsam und rechtsgerichtet zu sein. Deshalb haben wir heute Erdogan und seine islamisch-konservative AKP mit Millionen von Anhängerinnen und Anhängern, deren Idol er ist.»

In der Endlosschlaufe

In den 1970er-Jahren war die Türkei in bürgerkriegsähnliche Zustände geschlittert. Aber die Militärs hatten am 12. September 1980 nicht eine gemässigte oder gar linke Regierung geputscht, sondern eine faschistisch geprägte. Bloss war sie nicht mehr in der Lage, das Land zu regieren.

Im türkischen Original, 2015 erschienen, heisst Ece Temelkurans Roman «Devir», «Kreis». Eine Endlosschlaufe, ein Teufelskreis, den auch die Gezi-Proteste von 2013 nicht unterbrechen konnten und der im Putschversuch von 2016 eine Wiederauflage fand.

Gestern fast wie heute

Das Gift dieses Kreises erläutert Ece Temelkuran an politischen Parolen: «Generalstabschef Kenan Evren, der Anführer des Putsches von 1980, wurde nicht müde, zu sagen: ‹Wir werden eine Generation heranziehen, die sich weder an euch noch an eure Kämpfe erinnert.› Dieser Satz war an die linken, progressiven, in Organisationen aktiven Menschen gerichtet, die nun ins Gefängnis geworfen, gefoltert, umgebracht, ins Exil getrieben wurden.

Heute sagt Recep Tayyip Erdogan: ‹Ich will eine Jugend, die an ihrer Religion festhält und an ihrem Groll.› Natürlich verfolgt Erdogan mit seiner Vision einer konservativen, am sunnitischen Islam orientierten Gesellschaft seine eigene Agenda. Aber es war ein Prozess. Die Entwicklung der letzten 15 Jahre geht auf 1980 zurück.»

«Beschütze uns vor Gebildeten»

Nach Ece Temelkurans Einschätzung brachte der Putsch von 1980 schwere Eingriffe in die Zivilgesellschaft mit sich: «Das Wort ‹Organisation› war plötzlich illegal, das heisst, man machte sich strafbar, wenn man sich zusammentat. Das Wort ‹Kurde› war illegal. Das Wort ‹Widerstand› wurde gleich ganz aus dem staatlichen Lexikon entfernt. Zusammen mit hunderten anderer Wörter. Diese kamen in den Medien und den Schulbüchern nicht mehr vor.

Dabei blieb es aber nicht. Mit einer ganzen Reihe von Massnahmen wurde versucht, ein Keil zwischen die armen, schlecht ausgebildeten Menschen und die gebildete Linke zu treiben, die vor 1980 Gewicht hatte. Während des Gezi-Aufstands blitzte der Widerstand gegen die Spaltung der Gesellschaft zwar für kurze Zeit auf. Aber ich habe immer noch im Ohr, wie ein Imam anlässlich der Beerdigung von Opfern des Putschversuchs von 2016 predigte: ‹Möge Gott uns vor dem Bösen gebildeter Menschen schützen.›»

Keine fliegenden Schwäne

Ece Temelkuran greift in ihrem Roman «Stumme Schwäne» eine Begebenheit auf, die sich tatsächlich zutrug. Putschgeneral Kenan Evren liess den Schwänen Ankaras ein Stück Flügelknochen herausoperieren, um sie flugunfähig zu machen.

Im Zug ihrer Recherchen in Ankara machte Ece Temelkuran eine Umfrage: «Ich fragte wahllos Leute, ob Schwäne fliegen können. Jeder, ehrlich, jeder sagte: ‹Nein.› Und wenn ich dann sagte: ‹Schwäne können fliegen, nur die in Ankara können es nicht, und das verdanken wir Kenan Evren›, lachten sie mich aus.

Gewähltes Vergessen

Da frage ich mich: Wie konnten sie vergessen, dass Schwäne fliegen können? Warum erinnern sie sich nicht an den Grund ihres Vergessens? Die Antwort liegt in der jüngeren türkischen Geschichte. In den Restriktionen im Denken und Fühlen, die einen das eigene Vermögen als Mensch und Bürger vergessen lassen.

Was dann wiederum politisch instrumentalisiert wird. Bis man glaubt, man sei hilflos geboren und es bleibe einem gar nichts anderes, als die Macht zum Beispiel Erdogan zu überlassen. Es ist ein klammheimliches Einverständnis zwischen Manipulation und selbstauferlegtem Vergessen, und es begann 1980.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 52 beste Bücher, 30.4.2107, 11:03 Uhr

Autorin & Journalistin

Ece Temelkuran gehört zu den bekanntesten Journalistinnen der Türkei. Seit 2012 schreibt sie ihre Artikel nur noch auf Englisch – meist für ausländische Zeitungen. Sie konzentriert sich auf Sachbücher und Romane, seit sie zum Opfer einer beispiellosen Hetzkampagne der Regierungspartei AKP wurde.

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Bücher von Ece Temelkuran

  • «Stumme Schwäne» Roman. Hoffmann und Campe, 2017.
  • «Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst», Sachbuch. Hoffmann und Campe, 2015.

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