Im Treibsand des Ersten Weltkrieges

Der Roman «Das Sandkorn» ist ein feinsinniges Sittengemälde der Jahre des Ersten Weltkriegs: Der Versuch der Hauptfigur, das eigene Leben zu gestalten, endet aufgrund der Umstände in der Katastrophe. Autor Christoph Poschenrieder ist damit ein packender und intelligent aufgebauter Roman gelungen.

Geschlossene Faus, durch Fingerzwischenräume rinnt Sand.

Bildlegende: Der Protagonist streut Sand, um sich zu schützen. Paradoxerweise macht das seine Verfolger auf ihn aufmerksam. Imago

«Ein Mann geht durch Berlin, und bald hat er einen ganzen Schwarm von Verfolgern.» Dies ist der Ausgangspunkt von Christoph Poschenrieders Roman «Das Sandkorn». Er spielt – auch dies erfahren wir auf der ersten Seite des Buchs – während des Ersten Weltkriegs. Der Mann, der verfolgt wird, ist der junge Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn.

Er zieht die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, weil er ohne erkennbaren Grund in den Strassen Berlins kleine Säckchen mit fremdländischem Sand verstreut. Die Polizei greift den Mann auf. Er hat sich verdächtig gemacht. Ein Kommissar mit Namen Franz von Treptow verhört Tolmeyn und versucht, das Motiv für dessen eigenartiges Treiben zu ergründen.

Versteckte Homosexualität

Das Verhör bildet die Rahmenhandlung des Romans, der über weite Passagen in Rückblenden erzählt ist. Brisant: Tolmeyn ist homosexuell. Homosexuelle Handlungen sind damals im deutschen Kaiserreich aufgrund des berüchtigten Paragraphen 175 verboten. Und wir erfahren: Tolmeyn ist aufgrund seiner Neigung für Männer in Berlin erpresst worden.

Porträtaufnahme

Bildlegende: Christoph Poschenrieder. Wikimedia

Dementsprechend war es für ihn eine riesige Befreiung, als er in Rom am dortigen königlich preussischen historischen Institut eine Anstellung als Kunsthistoriker erhielt. Im Auftrag Kaiser Wilhelms II. unternahm er von Rom aus mehrere Forschungsreisen nach Apulien. Er sollte dort die in jener Region zahlreichen Kastelle des mittelalterlichen Stauferkönigs Friedrich II. untersuchen und dadurch – zu Zeiten des nationalistischen Säbelrasselns – auch die Überlegenheit der deutschen Wissenschaft unter Beweis stellen.

Tolmeyn zur Seite steht der Schweizer Beat Imboden. Der Deutsche entwickelt für den Assistenten Gefühle, je länger das Zusammensein dauert. Die Liebe bleibt unerfüllt. Die platonische Zweisamkeit findet ein jähes Ende, als Italien im Mai 1915 auf der Seite der Entente gegen Deutschland in den Krieg eintritt. Tolmeyn gilt nun als Feind und muss nach Deutschland zurückkehren. Dort gerät er in die Hände des Kommissars, der dafür sorgt, dass Tolmeyn an die Westfront in den Krieg gegen Frankreich geschickt wird, wo er ein Jahr später stirbt.

Das Unbestimmte in der Sprache

Die Subtilität, mit welcher der Münchner Christoph Poschenrieder seine Hauptfigur Jacob Tolmeyn schildert, ist von hoher literarischer Kunst. Er schreibt mit grosser Zurückhaltung und versteht es meisterhaft, nur so viel zu sagen, wie unbedingt notwendig ist und alles Plakative zu vermeiden. Das Nebulöse um Tolmeyns versteckte Homosexualität findet damit in der Sprache eine eindrückliche Entsprechung.

Poschenrieder verwendet eine melodiöse, fliessende Sprache, die jedoch im Rhythmus stets wechselt: Lange sprachliche Bögen werden durch kurze unterbrochen, Beschleunigung und Verlangsamung wechseln sich ab. Beim Betrachter entsteht der Eindruck, als ob man nie stehen bliebe und nie das Ganze zu Gesicht bekäme.

Die Metaphorik des Sands

Neben der tragischen Geschichte Tolmeyns bildet der Sand den roten Faden, der den Roman durchzieht. Er erscheint mit ganz unterschiedlicher Metaphorik. Auffällig ist etwa die Metapher des Treibsands, die an mehreren Stellen des Romans aufscheint. Wer in den Treibsand gerät und sich mit Armen und Beinen rudernd dagegen wehrt, ist verloren. Ist der Treibsand eine Metapher für Tolmeyns Versuch, seinen Lebensweg selbstbestimmt zu finden und dabei zu scheitern? Oder ist er gar ein Bild für den Zustand der Welt?

Verschiedentlich deutet Poschenrieder die Funktion des Sands auch um: So ist er einmal Gegenstand von Tolmeyns wissenschaftlichen Untersuchungen in Süditalien. Später wiederum lernt er unter der heissen Sonne Süditaliens den Volksglauben kennen, wonach verstreuter Sand das Böse fernhalten soll.

Als Tolmeyn zurück in Berlin ist und dort in Bedrängnis gerät, verstreut er – dem Volksglauben folgend – Sand, um sich zu schützen. Paradoxerweise zieht er damit erst seine Verfolger auf sich. Die persönliche Katstrophe nimmt ihren Verlauf.

Christoph Poschenrieder ist mit «Das Sandkorn» ein überaus vielschichtiger Roman gelungen: inhaltlich packend, intelligent aufgebaut und mit leichtfüssiger Eleganz geschrieben.

Buchhinweis

Christoph Poschenrieder: «Das Sandkorn», Diogenes, 2014.

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