Imre Kertész: Von quälenden Selbstzweifeln und seltenem Glück

Die Tagebücher 2001-2009 des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész sind ein «Journal intime» von verstörender Offenheit. Es umfasst die Zeit seiner Übersiedelung nach Berlin, seiner Wahlheimat. Im Vordergrund steht aber immer die Literatur. Ihr ordnet Kertész sein Leben völlig unter.

Der Ungarische Nobelpreistraeger der Literatur Imre Kertész an der Messe Buch Basel, 2007.

Bildlegende: Der Ungarische Nobelpreisträger der Literatur Imre Kertész an der Messe Buch Basel, 2007. Keystone

In Berlin hat Imre Kertész 2002 «die Glückskatastrophe» des Literaturnobelpreises überrollt. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass preisgekrönte Autoren schlecht damit zu Rande kommen, dass ihre Privatsphäre eingeschränkt ist. Auch Kertész wurde von einem Podium zum anderen geschleppt und von Interviewanfragen überschwemmt. Das mediale Dauertrommelfeuer ist der konzentrierten Arbeit am Text hinderlich. Das ist plausibel.

Gefangen zwischen Auschwitz und Nobelpreis

«Irgendwie stehe ich dem Ganzen fern und weit ausserhalb, ein echtes ‹Ich – ein anderer›-Erlebnis.» schrieb Kertész dazu. Als er zwei Wochen später über der Stockholmer Dankesrede brütete, berichtet der Tagebuchschreiber von einem Telefonat mit dem Komponisten György Ligeti. Dieser sei darüber «verstimmt» gewesen, dass Kertész «kokett über den Nobelpreis spräche.» «Aber Auschwitz und Nobelpreis sind nun mal ziemlich schwer in Relation zu bringen», entgegnete der Laureat.

Es ist in der Tat ein kaum auflösbarer Widerspruch. Kertész fühlt sich jedenfalls gefangen in diesem Zwiespalt, provoziert aus grösstmöglicher Verachtung im Holocaust und höchster Anerkennung als Schriftsteller.

Leitmotiv Schreiben

Der rote Faden durch seine Tagebücher 2001-2009 ist das Thema Schreiben. Bei Imre Kertész heisst das: unabänderliche Konfrontation mit dem Holocaust. Dies ist in sein Leben gleichsam eingebrannt. Kertész arbeitete damals an seinen Romanen «Liquidation» sowie «Dossier K.». Ersteres ist ein Erinnerungsstück an einen toten Freund. Während in letzterem das autobiographische Ich sich mit seinem eigenen sprachmächtigen Kritiker auseinandersetzt. In diesen Tagebüchern schwankt der Autor denn beim Schreiben über seine Alterswerke hin und her zwischen rigorosem Selbstzweifel und seltenem Einverständnis mit dem, was er zu Papier gebracht hat.

Unüberhörbares Klagelied

Dies mag im besten Fall dazu beitragen, für seltene Augenblicke den inneren Frieden zu finden. Als er am 6. August 2004 über einem «Manuskripthaufen» brütet, fragt sich der Tagebuchschreiber in unüberbietbarer Offenheit: «Warum halte ich an der Tagebuchform fest? Weil meine Fantasie nicht ausreicht, um die Geschichte in Fiktion zu verwandeln. Ich hatte nie einen anderen Stoff als das Leben.» Jetzt sei daraus, folgert Kertész, «etwas Mittelmässiges geworden… die Rolle des erfolgreichen Schriftstellers.» Insofern sind manche Eintragungen auch ein unüberhörbares Klagelied.

Schon in seinem «Galeerentagebuch» von 1993 ist Kertész Fragen nach der Bedingtheit und nach der Freiheit des Individuums nachgegangen. Der Autor versuchte damals Holocaust, Modernität, Totalitarismus und Freiheit weiter zu denken. Es scheint, dass er zuletzt noch unversöhnlicher geworden ist. Mit der Welt und mit sich selbst. Denn er wähnt sich unter demselben Datum im Jahr 2004 als «hilflos im Honig ertrinkende Fliege, eine zugrunde gehende Figur, die sich ohnmächtig ihren sie liebenden Mördern ergibt.» Die seltenen Glücksmomente über schöne Musik, gute Gespräche oder einen geglückten Text verblassen beinahe angesichts des Pessimismus, der hier regiert.

Kein Paradies im Westen

Es wäre aber falsch, wenn der Eindruck eines selbstbezogenen Narziss dominierte. Denn Kertész gibt auch dem Zeitgeist viel Raum. Da manifestiert sich seine politische Ader. Am 11. September 2001 vergleicht der Politkommentator Ost und West. Im Westen sei die Bevölkerung durch einen gewachsenen Gesellschaftsvertrag zwischen Bürger und Staat geschützt, während in Mittel- und Osteuropa «die Demokratie über die Köpfe der Bevölkerung hinweg proklamiert worden und – nota bene – jederzeit zurücknehmbar sei». Im Osten habe sich noch kein «spürbarer Schutzinstinkt gegen die Willkür entwickelt.»

Mit kühler Ernüchterung ortet Kertész aber auch im Westen nicht das Paradies. Denn in West-Europa seien die Gesellschaften nicht für «das Glück, sondern für den Kampf geboren», meint er trotzig.

Im Zeichen der Krankheit

Imre Kertesz kämpft aber noch mit ganz anderen Dämonen. In seinen Tagebüchern taucht regelmässig das Attribut «depressiv» auf. Und Kertész ist seit längerer Zeit körperlich so krank, dass er nicht mehr schreiben kann. Daraus macht er auch kein Geheimnis. Schon am 7. April 2004 notiert er illusionslos in sein Tagebuch: «Parkinson-Krankheit, lautet die nunmehr endgültige Diagonose.» Der heimatlose Autor, der sich Anfang des Jahrhunderts noch mit viel Enthusiasmus in Berlin niedergelassen hat, lebt inzwischen wieder in Budapest. Angesichts dessen liest man diese Tagebücher 2001-2009 nochmals mit ganz anderen Augen.

Buchhinweis:

Imre Kertész. Letzte Einkehr. Tagebücher 2001- 2009. Rowohlt. Deutsch von Kristin Schwamm.

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