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Literatur «In Burma sind wir noch weit von Demokratie entfernt»

Als junge Frau lernte die burmesische Autorin Wendy Law-Yone Deutsch. Die strukturierte Sprache gab ihr Halt in einer Zeit, in der in Burma staatliche Willkür herrschte. Zurzeit doziert sie an der Universität Bern – auch über ihr Heimatland. Der burmesischen Demokratie steht sie skeptisch gegenüber.

Eine burmesische Frau schaut aus einem Fenster ohne Scheiben.
Legende: Wie geht es weiter nach der Militärdiktatur? «Wer in Burma lebt, muss vergessen können». Reuters

Ihre Gastprofessur an der Universität Bern ist nach Friedrich Dürrenmatt benannt. Haben Sie eine Beziehung zu dem Schweizer Autor?

Wendy Law-Yone: Eine sehr intime sogar! Natürlich wusste Herr Dürrenmatt nichts davon. Ich lernte in meiner Jugend durch Zufall Deutsch. Das war in den 1960er-Jahren, als mein Vater aus politischen Gründen ins Gefängnis kam. Nachdem Burma 1948 unabhängig geworden war, hatte er die erste freie Zeitung «The Nation» gegründet.

Doch nach dem Militärputsch 1962 wurde die Redaktion geschlossen. Als seine Tochter durfte ich nicht mehr an der Universität studieren. Aber am Goethe-Institut im burmesischen Rangun wurde ich freundlich aufgenommen. Dort verliebte ich mich in die deutsche Sprache.

Warum?

Sie verkörperte alles, was meine Umgebung nicht bot: Im Gegensatz zu meinem realen Leben in Burma, wo Diktatur und Willkür herrschten, war sie klar strukturiert und folgte voraussagbaren Regeln. Die deutsche Sprache öffnete mir das Tor zur Welt der Literatur.

Wieso interessiert sich ein burmesischer Teenager in den 1960er-Jahren für deutsche Literaturklassiker?

Ich interpretierte die Werke von meinem persönlichen Standpunkt aus. Nehmen wir das Lied aus Goethes Roman «Wilhelm Meisters Lehrjahre»: «Wer nie sein Brot mit Tränen ass, wer nie die kummervollen Nächte, auf seinem Bette weinend sass, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.»

Diese Zeilen sprachen direkt zu mir. Ich wusste, wie es ist, auf der Bettkante zu sitzen und mein Brot mit Tränen zu essen – auch wenn wir in Burma natürlich Reis assen. Auch Rilke und Hölderlin begeisterten mich, und eines Tages entdeckte ich die Werke von Friedrich Dürrenmatt.

Was blieb Ihnen in besonderer Erinnerung?

Das Theaterstück «Der Besuch der alten Dame». Das Thema der Rache, das die Hauptfigur antreibt, interessierte mich, als ich an meinem zweiten Roman arbeitete. Damals lebte ich bereits in den USA. Meine ganze Familie war im Exil, mein Vater hatte viele Rückschläge erlebt, und ich dachte darüber nach, wie man in einer solchen Situation mit dem Erlebten umgehen kann. Doch Rache ist nie süss, das zeigt das Stück von Dürrenmatt.

Wie erleben Sie den Umgang mit der Vergangenheit heute in Burma?

Dieses Jahr war ich in Burma, weil zum ersten Mal ein Buch von mir auf Burmesisch erschien. Viele junge Journalisten fragten mich, wie man am besten über die wahre Vergangenheit schreibt.

Was rieten Sie ihnen?

Sie sollten ihre Eltern kritisch befragen – auf die Gefahr hin, respektlos zu wirken. Doch das ist in asiatischen Kulturen ein grosses Problem. Bisher sind kaum kritische Bücher erschienen. Im Gegenteil: Viele Werke über frühere Machthaber erinnern an Heiligenbiographien. Bei der Bevölkerung überwiegt zurzeit der Wunsch, nach vorne zu schauen. Doch Autoren haben meiner Meinung nach die Aufgabe, innezuhalten und sich mit den Fragen der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wie sonst könnten wir vermeiden, dieselben Fehler zu wiederholen?

Teilen Sie die Hoffnung auf eine bessere, demokratische Zukunft in Burma?

Natürlich teile ich die Euphorie und die Begeisterung ein Stück weit. Doch ich bin viel vorsichtiger als ein junger Durchschnittsburmese. Ich gehöre zu einer Generation, die viele Umbrüche in der burmesischen Geschichte erlebt hat. Zahlreiche Hoffnungen wurden enttäuscht. Viele Burmesen glauben naiverweise, dass wir nun die Demokratie erreicht haben. Doch davon sind wir noch weit entfernt. Das alte Regime gibt es immer noch. Ich habe Stimmen gehört, die davor warnen, dass eine Person an der Spitze einer Partei alle Regeln vorgibt.

Doch ich spreche als Aussenstehende – ich lebe schon seit langem nicht mehr in Burma, auch wenn alle meine Romane von Burma handeln. Ich denke, diejenigen, die im Land geblieben sind, müssen vergessen können. Diejenigen, die weggegangen sind, dürfen nicht vergessen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.11., 12:10 Uhr.

Zur Person

Eine lachende Frau mit kinnlangem, dunklem Haar.
Legende: Autorin Wendy Law-Yone. Random House Books/Jocelyn Seagrave

Wendy Law-Yone, geboren 1947 in Mandalay, thematisiert in ihren Romanen die Spannungen in Burma zur Zeit der Militärdiktatur und ihr Leben im Exil. Aktuell hat sie die «Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur» an der Universität Bern inne. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten Stimmen Burmas weltweit.

Dürrenmatt-Gastprofessur

Im Herbst 2013 wurde an der Universität Bern die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur eingerichtet. Sie dient der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, Theorie und Praxis, Universität und Öffentlichkeit. Wendy Law-Yone betrachtet im Herbstsemester 2015 anhand neuer Literatur die Veränderungen asiatischer Gesellschaften.

Buchhinweis

Wendy Law-Yone: «Golden Parasol. A Daughter's Memoir of Burma», Vintage Publishing, 2015.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Jens-Ingo Lehminger, Schaffhausen
    Das Zitat "...Ich denke, diejenigen, die im Land geblieben sind, müssen vergessen können. Diejenigen, die weggegangen sind, dürfen nicht vergessen." von Wendy Law-Yone hat einen dauerhaften Haken: Wie gross ist eigentlich eine Distanz anzusetzen, die auch riesig sein kann, wenn man sich rein äusserlich "drinnen" befindet? Für Blind-Justitia-Vorranschreiben und das Ermöglichen einer Zukunft ist so eine Haltung konstruktiv, auf Dauer aber hilft sie niemandem-Vieles kann schlecht bleiben.
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