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Literatur In Klagenfurt unter Wert verkauft: Hannah Dübgen

Seit 1977 tragen deutschsprachige Autorinnen und Autoren in Klagenfurt ihre Texte vor, über die die Jury dann diskutiert. Aber nicht nur auf der Bühne wird über die Qualität eines Textes gestritten, auch die Zuschauer bilden sich ihre Meinung – die nicht immer der der Jury entspricht.

Porträt nah der Autorin Hannah Dübgen, mit hochgestecktem Haar, Ohrringen und grünem Kragen.
Legende: Jahrgang 1977, wie der Bachmann-Wettbewerb selber: die Berliner Theater-Dramaturgin und Autorin Hannah Dübgen. Bachmann-Preis

Klagenfurt, das sind alljährlich 3 Tage Lesungen, 14 Autoren und Autorinnen, 7 Juroren und Jurorinnen, 5 Preise, 5 Gewinner. Und das Publikum, das sich ebenfalls eine Meinung bildet, vor Ort und im Netz. Natürlich ist die Einschätzung der Zuschauer nicht immer die der Jury.

Bei einem Text war die Jury in diesem Jahr mit Blindheit geschlagen und hat ihm keinen Preis vergeben: «Schattenlider» heisst er und erzählt von einer Mutter, die ein Baby ohne Augäpfel zur Welt bringt und sich nun der Blindheit ihres Kindes stellen muss. Geschrieben hat ihn Hannah Dübgen, die 1977 in Düsseldorf geboren wurde und heute in Berlin lebt. Sie arbeitet als Theater-Dramaturgin und an der Oper.

Ein leiser, kluger, verstörender Text

Es sei «kein hellsichtiger Text über die Blindheit», wie ihn Juror Paul Jandl wortgewandt kritisierte. Dass ihm lediglich die Schweizer Juroren Juri Steiner, der Hannah Dübgen eingeladen hatte, und Hildegard Keller widersprachen, wurde von vielen Zuschauern im Saal im Anschluss auch bedauert.

«Schattenlider» ist ein leiser, kluger, auch verstörender Text, der höchst empathisch die Situation beschreibt, in der sich eine junge Mutter befindet, wenn sie ein Kind zur Welt bringt, das «aus der Norm» fällt. Ein Text, der sich den in so einem Fall zwangsläufig auftretenden Fragen stellt: der Frage nach dem «Warum?», nach der Schuld an dem, was man nicht steuern kann, nach dem Willen Gottes, nach dem Mitleid der anderen und nach der Beschaffenheit unserer Welt, die immer mehr aufs Visuelle zusteuert. Eben ein Text, bei dem die Jury leider wegschaute. Und der einen Preis verdient hätte

1 Kommentar

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  • Kommentar von Reiner Schwarz, Berlin
    Nach der Lesung setzte ein langer Beifall des Publikums ein, er entsprach unserer Betroffenheit durch diesen Text. Dann verkündeten die meisten Kritiker ihre Entscheidung wie ein Gottesurteil, aber es war nur kleinliche Nörgelei. Das war dem Text und auch nicht der Situation nicht angemessen, meine ich. Wenn die Kritiker bis dahin die Texte nicht kennten und spontan ihr Urteil entwickeln müßten, wäre das fairer und verständlicher und lebendiger. Das Publikum hat auch literarische Erfahrung.
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