Isabel Allende geht neu auf Täterjagd

Die über 70-jährige Isabel Allende schreibt ihren ersten Kriminalroman: «Amandas Suche» überzeugt weniger mit dem etwas konstruierten Plot als mit fein gezeichneten Figuren. Ein Buch mit Sogkraft, packend und unterhaltsam zugleich.

Porträt Isabel Allende

Bildlegende: Isabel Allende verführt mit fein gezeichneten Figuren. Keystone

In den 1980er-Jahren brachte es Isabel Allende mit ihrem ersten Roman «La casa de los espiritus» («Das Geisterhaus») zu literarischem Weltruhm. Seither schreibt sie mit Vorliebe Familiensagas mit vornehmlich starken Frauenfiguren, die sich in einer patriarchal gefärbten Welt zu emanzipieren wissen.

Keine Familiensaga mehr

Doch damit ist Schluss. «Amandas Suche» heisst ihr neues Buch: Ihr erster Kriminalroman, den sie mit Unterstützung ihres Mannes William C. Gordon – selber erfolgreicher Kriminalbuchautor – geschrieben hat.

Ein technisch geschliffenes Werk, das stark konstruiert daherkommt, weil es so ziemlich alle Facetten eines Kriminalromans abzudecken versucht. Thriller, «Whodunit» und «hardboiled detective novel» gepaart mit einem Happy End – das nur bedingt eines ist.

Liebe, Eifersucht und eine schöne Frau

Indiana Jackson ist Mitte 30 und glücklich geschieden. Sie arbeitet als Heilerin, spezialisiert auf Reiki und Aromatherapie, in einem ganzheitlichen Gesundheitszentrum. Naturverbunden, lebensfreudig blond, vollbusig, attraktiv, kommt sie bei Männern nicht nur wegen ihrer heilenden Fähigkeiten gut an.

Was ziemlich unangenehm werden kann. Vor allem dann, wenn sie von einem Serienmörder entführt und gefangen gehalten wird, der sie aus Wut über ihre nicht erwiderte Liebe und aus Eifersucht umbringen will.

Schräge Figuren …

Doch drei Figuren, die alle die Rolle des Ermittlers innehaben, retten Indiana sozusagen im Familienverband. Da wäre einmal Indianas Tochter Amanda, die im Internet das Rollenspiel «Ripper» leitet. Mit Hilfe von Mitspielern versucht sie, die Identität des Serienmörders herauszufinden und ihre Mutter aus seinen Fängen befreien zu können.

Mit Informationen alimentiert wird sie von ihrem Vater, der als Chef des Polizeidezernats von San Francisco im Fall Indiana ermittelt. Und dann wäre noch Ryan Miller. Ein ehemaliger hartgesottener, kriegstraumatisierter Navy Seal, der als «einsamer Wolf» alles daran setzt, seine Indiana zu finden und in die Arme zu schliessen.

… mit Eigenleben und Sogkraft

Doch was letztlich «Amandas Suche» ausmacht, ist nicht die Krimihandlung. Die ist sekundär und hätte auch anders entwickelt werden können. Isabel Allendes Krimi lebt vielmehr von der Ausgestaltung ihres Figurenarsenals. Wie sie die Leben von Indiana, von Amanda, von Ryan oder ihrem Ex-Mann miteinander verschränkt. Wie sie die Figuren liebevoll zeichnet, charakterisiert, mit ihren Stärken und Schwächen, so dass diese ein Eigenleben entfalten: Das hat eine Sogkraft, das ist packend und unterhält.

Sendung: Radio SRF 1, 28.8.2014, 14.15 Uhr

Buchhinweis

Isabel Allende: «Amandas Suche». Suhrkamp, 2014.