New Yorker Avantgarde Jane Bowles: Zu klug, zu eigenwillig, zu wild

Mit ihrem Debütroman «Two Serious Ladies» wurde Jane Bowles zum Star der New Yorker Avantgarde. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Schriftstellerin Jane Bowles stützt ihre Hand am Hals und trägt einen Hut.

Bildlegende: Mehr noch als Schriftstellerin war sie eine grosse Reisende: Jane Bowles. Getty Images

«Ich halte Jane Bowles für die grösste Englisch schreibende Autorin unseres Jahrhunderts, und Harold Pinter stimmt mir zu.» So vollmundig äusserte sich einst der amerikanische Dramatiker Tennessee Williams. Und für Truman Capote war die Freundin schlicht eine «moderne Legende».

«Ein ewiger Schelm, eine Nicht-Erwachsene von unübertroffener Anziehungskraft, allerdings mit einer kühleren Substanz als Blut in ihren Adern, und mit einem Verstand, einer exzentrischen Klugheit, wie kein Kind, auch nicht das seltsamste Wunderkind, sie je besassen.»

Gespür für das Abgründige

Jane Bowles war eine witzige Erzählerin, mit einem glasklaren Gespür für das Abgründige im Alltäglichen. Aus dem scheinbar Banalen schälte sie schnörkellose Sinnbilder für die menschliche Existenz.

Ihre Texte verstören und verzaubern bis heute. Sie kommen ohne gängige Erzählmuster aus und haben eine ähnliche Wirkung wie intensive Träume: Man wird sie so schnell nicht los. So heisst es im Romanfragment «Draussen in der Welt»:

«Wie so viele Unglückliche, die sich selbst verachten, hatte er Phasen von übermütiger Freude, in denen er sich fühlte, als wäre er sein eigenes Gegenteil. Er hatte eine Vision: Er sah sich auf seinem eigenen Gesicht auf- und niederspringen.»

Neurotische Beziehungen prägten die Kindheit

Unglück war Jane Bowles in die Wiege gelegt worden. Ihr Leben war eine Travestie, ein Versuch, ihrer dunklen inneren Welt mit einem Lachen zu entwischen. Geboren wurde sie am 22. Januar 1917 in New York, als einziges Kind wohlhabender jüdischer Eltern. Sie wuchs isoliert und unstet auf. Die Familie zog von Hotel zu Hotel.

Ein Porträt von Autorin Jane Bowles.

Bildlegende: «Eine der besten Prosaschriftstellerinnen der Moderne» sei sie gewesen, schrieb die New York Times im Bowles-Nachruf. Getty Images

Der Vater starb früh, die Mutter war eine Mischung aus kalter Distanz und erdrückender Liebe – hochneurotische Beziehungen sind immer wieder Thema in den Texten der Tochter. Nach einem Reitunfall erkrankte Jane Bowles an Knochentuberkulose. Fast zwei Jahre lang lag sie in einem Sanatorium in Leysin im Streckbett.

Flucht in Traumwelten

Schon früh war ihr ihr Anderssein bewusst: viel zu klug für ihr Alter, zu eigenwillig, zu wild. Und unfähig, sich anzupassen und unterzuordnen. Begabt mit einer ausserordentlichen Fantasie, die ihr die Flucht in Traumwelten ermöglichte, mehr und mehr aber zur Quelle von Ängsten wurde. Sie werde bis an ihr Lebensende eine «Zaudererin» bleiben, prophezeite ihr der Vater. Sie nahm das ernst, für sie war es ein Fluch.

Mit ihrer strahlenden Exzentrik wurde Jane Bowles zum Mittelpunkt der New Yorker Avantgarde, und später, als sie ihrem Mann Paul Bowles nach Marokko folgte, jener von Tanger. Aber da war eben auch immer das Gefühl von Verdammnis und Schuld. In einem Fragment heisst es:

«An die Welt zu denken, erfüllte sie mit Schrecken und Trostlosigkeit. Sie hatte Angst, dass ihr Platz auf Erden angefochten würde, bevor sie ihn gefunden hatte. Die Tatsache, dass sie frei war, ihn zu finden und es noch nicht geschafft hatte, beschämte sie, machte sie schuldig.»

Schreiben als Qual

Jane Bowles Geistreichtum war legendär. Aber das Schreiben war ihr eine Qual. In schier endlosen Prozessen versuchte sie, ihre innere Welt, aus der sich ihre Literatur speiste, mit der Aussenwelt in Deckung zu bringen. Ein Roman, ein Puppenspiel, ein Theaterstück und einige wenige Kurzgeschichten – mehr schaffte sie nicht.

1957 erlitt sie in Tanger einen Schlaganfall. Es war das Ende ihrer literarischen Arbeit. Sechzehn Jahre lang kämpfte sie gegen ihren unaufhaltsamen Zerfall an. 1973 starb sie in einer psychiatrischen Klinik in Málaga.

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Buchhinweis

  • Jane Bowles: «Gesammelte Werke», Schöffling, 2012.
  • Millicent Dillon: «A Little Original Sin: The Life and Work of Jane Bowles», University of California Press, 1998.

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