Joachim Lottmann über Koksnasen in Kulturkreisen

Grossstädte wie Berlin und Wien wären ohne Kokain gar nicht funktionsfähig. Das behauptet jedenfalls Joachim Lottmann, das Enfant terrible der deutschsprachigen Pop-Literatur. Um die Droge geht es auch in seinem aktuellen Roman «Endlich Kokain».

Junge Frau sitzt an Sofatisch, darauf drei Linien Kokian und eine Kreditkarte.

Bildlegende: Journalist Braum taucht ein in die Wiener Kunstszene und ist, Kokain sei Dank, plötzlich wieder interessant für Frauen. Keystone

Keine Seite ohne das Wort Kokain. Und worum geht es in «Endlich Kokain» noch? Protagonist Stephan Braum ist Journalist. Er ist Anfang 50, lebt in Wien. Er ist nicht sehr erfolgreich, nicht sehr cool. Ziemlich langweilig, eigentlich schon sein ganzes Leben lang. Und er ist deutlich zu fett.

Das findet auch Braums Arzt, der ihm einen frühen Tod prognostiziert, wenn er nicht abnimmt. Mehr durch Zufall erfährt Braum eines Tages von einem Bekannten, dass es ein «todsicheres Mittel» zum Abnehmen gäbe: reines Kokain.

Wieder schlank, attraktiv und begehrt

Eine sehr ausgefallene Form der Diät. Aber Braum, der bisher mit harten Drogen kaum etwas zu tun hatte, beschliesst trotzdem, diesen Tipp zu befolgen. Und zwar ziemlich entschlossen und gekonnt – anfangs jedenfalls. Er organisiert sich den Stoff, hält Dosierung, Wirkung und weitere Umstände penibel in einem Tagebuch fest und nimmt in der Tat immer mehr ab.

Das ist aber natürlich nicht das Einzige, was sich in seinem Leben verändert. Braum taucht ein in die Wiener Kunstszene, übernimmt immer mehr eine zentrale Rolle darin und ist plötzlich wieder für Frauen interessant. «Sie war 27 Jahre alt, wunderschön, im 18. Semester und gerade deswegen Lichtjahre vom Examen entfernt. Sie würde keineswegs den nehmen, der jung, stark, potent und attraktiv war, sondern den, der ihr Kokain gab!»

Ein gewisses Unbehagen liest mit

Alles scheint wie geschmiert zu laufen. Trotzdem geht es bei Braum natürlich immer mehr darum, die Kontrolle über sein Leben nicht zu verlieren.

Das ist der grobe Plot. Und es ist der Stoff – um diesen Kalauer mal zu verwenden –, der den Reiz des Romans ausmacht. Reiz vor allem deshalb, weil er provoziert. Und auch wenn vieles sehr lustig ist, was Lottmann da beschreibt, verlässt einen beim Lesen nie ein gewisses Unbehagen. Unbehagen, was Lottmanns Haltung betrifft, wie er mit dem Stoff umgeht. Aber auch die Frage nach dem saloppen Sound: Was ist echte Schlamperei und was ist gezielt schlampig? Denn Lottmann setzt sich über alle Tabus hinweg wie eine Dampfwalze.

Dieser Autor nimmt kein Blatt vor den Mund

Lottmann ist bekannt dafür, dass er Tabus bricht. Lottmann ist ebenfalls dafür bekannt, dass er reale Personen aus seinem Bekanntenkreis in seinen Romanen vorkommen lässt. Meist nicht zu deren Vorteil, weshalb er auch nicht viele Freunde hat. Und natürlich stehen auch hier wieder gewisse Kollegen Pate für die Figuren, die Lottmann auf den Plan ruft.

Die Wiener Szene wird zum Teil noch verschlüsselt dargestellt, den Schriftsteller Thomas Glavinic beispielsweise kann man nur erahnen. Der letzte Teil des Buches spielt in Berlin, und dort scheint Lottmann sich nicht mehr beherrschen zu können oder zu wollen: ob Boris Becker, Kai Diekmann oder Helene Hegemann: Lottmann nimmt kein Blatt vor den Mund.

Waghalsiger bis irrer Plot

Mit pointiertem Zynismus macht er das. Aber obwohl er alles übertreibt und ins Groteske zieht, wird man das Gefühl nicht los, er bewege sich näher an der Realität, als es vielleicht scheinen mag.

Kurz und gut: Wer sich nicht abschrecken lässt von dieser Realsatire auf das Leben der Wiener und Berliner Kulturschickeria, wer sich nicht abschrecken lässt von Kokain, von Zynismus, von Spott und einem waghalsigen bis irren Plot – dem kann dieses Buch nur ans Herz gelegt werden.

Für alle anderen gibt es ja noch seriöse Literatur im Angebot, an die sich übrigens auch die Hauptfigur Stephan Braum hält: Sigmund Freuds «Schriften über Kokain», Agejews «Roman mit Kokain» oder Jörg Fausers «Rohstoff».

Buchhinweis

Joachim Lottmann: «Endlich Kokain.» Kiepenheuer & Witsch, 2014.

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