Jojo Moyes schreibt Pageturner mit Tiefgang

Jojo Moyes trifft den Geschmack einer grossen Leserschaft. Drei ihrer Romane sind in der Bestsellerliste. Ihr Erfolgsrezept: grosse Gefühle und Gesellschaftsthemen, die uns beschäftigen. Im neuen Buch «Weit weg und ganz nah» ist es die Kluft zwischen Arm und Reich.

Die Autorin lehnt mit einem Arm gegen einen Baum und lacht in die Kamera.

Bildlegende: Weiss, was Menschen gerne lesen: Jojo Moyes. Keystone

Drei Menschen am Strassenrand: Jess, eine alleinerziehende Putzfrau, die nur mit zwei schlecht bezahlten Jobs einigermassen über die Runde kommt. Ihre Tochter Tanzie, ein Mathegenie. Und Nicky, der Sohn ihres Ex-Mannes und dessen Ex. Jess' Auto ist abgelegen, die Scheinwerfer funktionieren nicht und die Versicherung ist nicht bezahlt. Die Polizei lässt sie nicht mehr weiterfahren.

Ein Road Trip mit Konfliktpotenzial

Jess und ihre Kinder wollten eigentlich an die Mathematik-Olympiade in Schottland fahren. Tanzie hat Chancen, diesen Wettbewerb zu gewinnen. Ein Auto hält an. Es ist Ed, der unsympathische reiche Mann, dessen Wohnung Jess putzt. Er will die Gestrandeten mitnehmen.

Jojo Moyes steckt im Roman «Weit weg und ganz nah» die vier unterschiedlichen Menschen in ein Auto und schaut, was passiert. Es wird häufig gestritten, manchmal gelacht, und langsam kommen sich Jess und Ed näher, bis es wieder zünftig kracht.

Pageturner mit Tiefgang

Auch wenn die kitschigen Buchcover etwas anderes vorgeben: Jojo Moyes' Liebesgeschichten sind nie banal, sondern Pageturner mit Tiefgang. In ihrem ersten Roman «Ein ganzes halbes Jahr» verliebt sich zum Beispiel eine junge Pflegerin in einen reichen Tetraplegiker, der sich bei der Sterbehilfeorganisation Dignitas angemeldet hat.

Moyes bietet Stoff zum Nachdenken: das Auseinanderbrechen von Familien, Kriminalität in der Wirtschaft, Mobbing in der Schule, Gewalt unter Jugendlichen. Oder wie im neuesten Roman, die Ungerechtigkeit, dass viele Menschen auch mit zwei Jobs kaum genug zum Leben haben.

Moyes bringt uns zum Lachen und zum Weinen

Die 44-jährige Engländerin ist eine Meisterin der grossen Gefühle. Alle, die die Geschichte von Lou und Will in «Ein ganzes halbes Jahr» kennen, wissen, dass man bei Moyes lachen und gleichzeitig weinen kann. Auch im neuen Roman sind die Dialoge herzerwärmend und richtig lustig.

«Ich kann mich nicht einfach hinsetzen und mir vornehmen, die Leute zum Lachen oder zum Weinen zu bringen», sagt Moyes im Interview. «Ich muss es selber fühlen.» Ein Büronachbar sei mal vorbeigekommen, als sie in Tränen aufgelöst am Computer sass. «Er hat sich Sorgen gemacht. Ich sagte ihm, alles sei ok, ich sei nur am Arbeiten. Er schaute mich nur an und meinte: ‹Was für ein verrückter Job.›»

In Kontakt mit ihren Lesern

Jojo Moyes liebt es, Menschen zu beobachten. «People watching» sei ein anständiger Ausdruck für ihre Neugierde, denn es interessiere sie brennend, warum Menschen Fehler machen.

Sie schreibt alles über ihre Hauptfiguren in ein kleines Buch. Sie wolle wissen, woher sie kommen, was ihre Eltern gemacht haben, was sie gerne essen, welche Musik sie hören und was sie vom Leben erwarten. «Wenn ich sie kenne, wird es viel interessanter, und die Figuren können viel besser aufeinander reagieren.»

Moyes weiss, was Menschen gerne lesen. Leser und Leserinnen geben ihr via Facebook und Twitter Tipps, Moyes liest sie jeden Tag und beantwortet jede Frage. «Ich bekomme Feedback auf meine Arbeit. Leute schreiben mir, dass ihnen eine Romanfigur gefallen hat, oder dass sie eine Handlung nicht gut finden. Gewisse Dinge wurden immer wieder erwähnt: Dass meine Romane zwar gefallen, die Einstiege aber zu langfädig seien.» Daraus habe sie gelernt, heute brauche sie weniger Zeit, um eine Figur einzuführen.

Der Roman ist bald auf der Leinwand zu sehen

Moyes' jahrelange Erfahrung als Journalistin bei einer Tageszeitung hilft ihr beim Bücherschreiben. Zuallererst habe sie gelernt zuzuhören. Auch heute noch erzählen ihr die Menschen gerne aus dem Leben: «Letzthin begann plötzlich ein Taxifahrer zu weinen und erzählte mir von seiner Freundin. Mein Mann musste mich richtig aus dem Auto ziehen.» Als ehemalige Journalistin wisse sie zudem, was eine Geschichte ausmacht. Und sie könne schnell arbeiten und Abgabetermine einhalten.

Jojo Moyes hat schon elf Romane geschrieben, aber erst drei wurden auf Deutsch übersetzt, weitere werden folgen. Und irgendwann kommt ihr bisher grösster Erfolg «Ein ganzes halbes Jahr» auch ins Kino. Hollywood hat die Filmrechte gekauft.

Buchhinweise

Bücher von Jojo Moyes, erschienen bei Rowohlt:

  • «Ein ganzes halbes Jahr» (2013)
  • «Eine Handvoll Worte» (2013)
  • «Weit weg und ganz nah» (2014)

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