Joyce-Fans feiern – mit Lesungen und Hammelnieren

Der 16. Juni ist für James-Joyce-Fans in aller Welt ein besonderes Datum: An jenem Tag im Jahr 1904 haben Stephen Dedalus und Leopold Bloom – die beiden Protagonisten aus «Ulysses» – ihre abenteuerliche Reise durch Dublin unternommen. Dieser Tag wird bis heute als «Bloomsday» gefeiert.

Bloomsday wird alljährlich von den Dublinern gefeiert – und von den Stadtoberen touristisch vermarktet. Dann fahren blankgeputzte Oldtimer durch die Strassen. Am Steuer sitzen Herren mit dem unverkennbaren schwarzen James-Joyce-Hut und einer Fliege um den Hemdkragen. Vor den Pubs stehen «Joyceaner»: Die Frauen tragen enge Kleider, die bis zu den Knöcheln reichen. Ganz der Mode um 1900 entsprechend. Dazu auffällige, mit Blumen verzierte riesige Strohhüte. Die Männer mit einer runden Brille auf der Nase, einem Stock in der einen Hand und einem Guinness in der anderen.

Man muss kein Joyce-Kenner sein

Ein Mann mit Krawatte und Bademantel liest etwas auf einem Stück Papier.

Bildlegende: Verfasser eines Meilensteins der Moderne: James Joyce. Keystone

«Man muss Ulysses nicht gelesen haben, um nach Dublin zu kommen und an dem alljährlichen Festival teilzunehmen», sagt Kulturmanagerin Laura Weldon: «Die meisten Leute haben den voluminösen Jahrhundertroman vermutlich gar nicht gelesen. Das ist nicht weiter schlimm. All die Veranstaltungen eröffnen Zugänge zum Werk von Joyce. Jeder kann mitmachen.»

Späte Wiedergutmachung an einen unbequemen Patrioten: Jahrzehnte lang konnte man Ulysses nach seinem Erscheinen im Jahre 1922 in keiner irischen Buchhandlung kaufen. Der Roman galt als anstössig, pornographisch. Mittlerweile ist die alljährliche Joyce-Feier auf der grünen Insel eine Staatsaktion sondergleichen.

1000 Seiten für einen Tag

Leopold Blooms Streifzug durch Dublin an jenem warmen Frühjahrstag ist bis ins kleinste Detail nachprüfbar. Auf knapp 1000 Seiten hat Joyce Dublins Strassen und Häuser beschrieben, Parks, Restaurants und Läden wie «Brown Thomas». Das Geschäft gibt es noch immer – in der Grafton Street, der grössten und zugleich teuersten Konsummeile in Dublin. Die Erben des Seidenhändlers haben eine Textilkaufhauskette gegründet. An ihrem Laden findet man, wie überall in der Stadt, kleine Bronzetafeln – Schilder, die Auskunft darüber geben, welche Szene aus Ulysses sich an diesem oder jenem Ort zugetragen hat.

Er plane in seinem Roman ein dermassen vollständiges Bild Dublins zu geben, dass die Stadt, sollte sie einmal vom Erdboden verschwinden, nach seinem Buch rekonstruiert werden könnte. Das schrieb James Joyce über seine Arbeit an «Ulysses». Der Roman als Stadt- und Architekturführer? «Natürlich ist es ganz nett zu wissen, dieses geschah hier, jenes dort», resümiert der Journalist, Buchautor und Joyce-Experte Terence Killeen. «Aber damit wird man Ulysses nicht gerecht.»

Joyce als Marketingartikel

Während Joyce zu Lebzeiten den 16. Juni Jahr für Jahr feuchtfröhlich mit Freunden feierte, steht heute dem werbewirksamen Einsatz des Markenartikels Joyce so manch Dubliner kritisch gegenüber. Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney etwa verliess an Bloomsday erklärtermassen die Stadt, weil er die Feierlichkeiten nicht mehr ertragen konnte.

«Manche Leute sagen, der Bloomsday sei zu einem Karneval verkommen, einem literarischen Disneyland und völlig kommerzialisiert.» Helen Monahan ist eine Grossnichte von Joyce. Die Künstlerin arbeitet als Kuratorin im Dubliner James Joyce Centre. Sie sagt: «International war Joyce immer anerkannt, aber weit weniger in seiner eigenen Stadt. Es ist eine Schande, dass Joyce hier nicht genügend gewürdigt wurde.»

Das Joyce-Universum in einem Turm

Im Martello Tower in Sandy Cove ist das Joyce Museum in einem napoleonischen Wehrturm.

Bildlegende: Im Martello Tower in Sandy Cove ist das James-Joyce-Museum untergebracht. Michael Marek

Sandycove, 12 Kilometer vom Zentrum Dublins entfernt, liegt das James Joyce Museum – ein Wehrturm aus der napoleonischen Zeit, umgeben von zweieinhalb Meter dicken Mauern.

Drinnen im Martello Turm findet man eine Joyce-Gitarre ausgestellt, sein Zigarrenetui samt Jagdweste und Spazierstock, alles original, seine Totenmaske, Nachttopf, Schlips, Geldbörse und Reisekoffer. Im ersten Stock, wo Joyce kurzzeitig gelebt hat, wurde der Arbeits- und Schlafraum nachgestellt. Alles sorgsam arrangiert – der rührende Versuch, das Joyce-Universum wieder einzufangen.

Hammelnieren zum Frühstück

«Dublin hat sich nicht sehr verändert», erklärt Brendan Kilty, Dubliner, Jurist und überzeugter Joyce-Fan: «Wenn Sie Ulysses lesen und auf die Charaktere schauen, dann können Sie diese auch heute noch in Dublin antreffen.» Vielleicht wird Kilty am 16. Juni zum James-Joyce-Centre fahren und sich dort das berühmte Bloomsday-Frühstück servieren lassen. Blooms Leibspeise besteht aus Insekten-Innereien nebst gegrillten Hammelnieren. Zum Glück haben die Organisatoren an alles und alle gedacht: Für Vegetarier gibt es ein fleischloses Frühstück.