Kakerlaken, Gott und ein maskierter Held

Kaum ein Comic-Autor hat den amerikanischen Comic so geprägt wie Will Eisner. In seiner gut 70-jährigen Laufbahn hat er so gut wie alles erlebt und den Comic mehrmals entscheidend vorangebracht. Nun erscheint eine seiner letzten Graphic Novels auf Deutsch: «Ich bin Fagin».

Strasenszene, Kind holt Hilfe, Ehepaar hält das für einen Trick.

Bildlegende: Will Eisner spielt in «Ich bin Fagin» mit antisemitischen Vorurteilen: ätzend-böse. Will Eisner

Antisemitische Karikaturen gibt es in der Weltliteratur einige. Ein besonders übles Zerrbild des Juden hat Charles Dickens mit Moses Fagin geschaffen, dem schmutzigen, geizigen und herzlosen Hehler, der Oliver Twist zum Taschendieb abrichtet. 2003, mit 86 Jahren, hat sich Will Eisner dieser Figur angenommen und schildert ihre Lebensgeschichte.

Damit betrachtete er nicht nur Dickens' London aus der Perspektive der unterprivilegierten jüdischen Minderheit, sondern reflektierte auch mit hintergründigem Humor, wie antisemitische Stereotypen in der Kultur entstehen, sich verhärten und tradiert werden. «Ich bin Fagin» ist originellerweise keine Literaturadaption, sondern die Neulektüre eines Klassikers aus der Perspektive einer Nebenfigur.

Moralische Moritaten

Kaum ein anderer Comic-Autor hat die amerikanische Comic-Kultur so geprägt wie Will Eisner. Am 6. März 1917 als Sohn jüdischer Einwanderer geboren, lernte er als Zeitungsjunge nicht nur die Strassen New Yorks, sondern auch die klassischen Comicstrips der 20er- und 30er-Jahre kennen.

Als er selber Mitte der 30er-Jahre Comics zu zeichnen begann, war ihm bewusst, «dass Comics eine eigenständige literarische Ausdrucksform sind. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen betrachtete ich den Comic als die Ausdrucksform meines Lebens.» Nach seinen Lehrjahren schuf Eisner 1940 «The Spirit».

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Superman und Batman bekämpfte Spirit, alias der Detektiv Denny Colt, das Verbrechen ohne übermenschliche Kräfte, sondern mit Intelligenz und Beobachtungsgabe. Geradezu revolutionär an «The Spirit» war, dass Will Eisner seine Aufmerksamkeit weniger auf die Heldentaten des mysteriösen Spirit legte, als auf die Schicksale kleiner Ganoven und Gelegenheitskrimineller und daraus kurze, moralisch verbrämte Moritaten über Gut und Böse, über Recht und Unrecht und die Ursachen von Armut und Kriminalität machte.

Ein Vertrag mit Gott

Im Zweiten Weltkrieg wurde sich Will Eisner des erzieherischen Potentials der Bildergeschichte bewusst: Für eine Armeezeitschrift zeichnete er Comics, die etwa den korrekten Umgang mit Maschinen illustrierten. Nach dem Krieg kehrte er zwar zu «The Spirit» zurück, gründete aber auch die Firma American Visuals, die didaktische Comics für die Armee, die Industrie und Schulen produzierte. 1952 gab er den Spirit auf, um sich ganz diesem kommerziellen Geschäftszweig zu widmen.

Erst 1978 kehrte Will Eisner in die Comic-Szene zurück. Und wie! Mit «Ein Vertrag mit Gott» revolutionierte er die amerikanischen Comics erneut. «Ich erzähle Geschichten für erwachsene Menschen, die wissen, was Herzschmerz bedeutet, und die sich die Frage nach Gott und nach dem Sinn des Lebens auch schon gestellt haben.»

In diesen vier autobiographisch gefärbten Erzählungen um Menschen, Kakerlaken, Vorurteilen und Rassismus aus einem New Yorker Mietshaus brach Eisner mit den in den USA üblichen Stereotypen, prägte den Begriff «graphic novel» und beeinflusste eine ganze Generation amerikanischer Comic-Autoren.

Immer noch am Anfang

Seither umkreiste Will Eisner bis zu seinem Tod in Comic-Romanen wie «Reise ins Herz des Sturms» und «Dropsie Avenue» unablässig Themen wie ethnische Vorurteile, den Melting Pot Amerika, seine jüdischen Wurzeln und beschäftigte sich nicht ohne Zärtlichkeit mit den Schwächen und Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen. Er veröffentlichte aber auch zwei unverzichtbare Theoriebücher über die Sprache der Comics, und die amerikanische Comic-Industrie setzte ihm mit den jährlich vergebenen «Will Eisner Awards» ein Denkmal.


Christian Gasser über «Ich bin Fagin»

2:51 min, aus Kultur kompakt vom 05.10.2015

Will Eisner war ein Vorbild für die amerikanische Comic-Szene: Er war der grosse alte Mann, der sich von Anfang an als Autor verstanden hatte und stolz darauf war, Comics zu zeichnen. Und doch betonte Eisner bis zu seinem Tod, er habe die intellektuellen Möglichkeiten der Comics kaum ausgeschöpft und stünde immer noch am Anfang.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 28.9.2015, 12.10 Uhr

Buchhinweis

Will Eisner: «Ich bin Fagin», Egmont Verlag 2015