«Die Zeit der Ruhelosen» Karine Tuil fühlt dem politischen Frankreich den Puls

Karine Tuil hält in ihrem neuen Buch «Die Zeit der Ruhelosen» dem verunsicherten Frankreich einen Spiegel vor. Sie zeigt, wie die Mächtigen den Bezug zur Realität verloren haben, und warum die Gesellschaft auseinanderbricht. Kein Wunder gilt der Roman als «das Buch zur Stunde».

Gruppenfoto französischer Politiker im Fernsehstudio

Bildlegende: Karine Tuils Buch gilt als Blick hinter die Kulissen all derer, die in den Élysée-Palast wollen oder da angekommen sind. Keystone

Karine Tuil gehört in Frankreich zu jener neuen Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die – wie Michel Houellebecq oder Emmanuel Carrère – in ihren Büchern aktuelle Themen literarisch verarbeiten. Die Zeit der «autofiction» – der intimen Selbstreflexion – ist ihrer Meinung nach vorbei.

In dieser komplexen, gefährlichen Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, müssten andere Geschichten erzählt werden, sagt Karine Tuil: «Die Literatur ist gefordert. Nicht um Antworten zu geben, sondern um Fragen zu stellen.» Denn Bücher seien noch der letzte Ort, «wo alles gesagt werden kann».

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Manische Ruhelosigkeit – Karine Tuils literarische Diagnose

3:16 min, aus Kulturplatz vom 3.5.2017

Die Mechanismen der Macht

Kein Wunder stösst Karine Tuil mit ihren Werken auch auf Widerspruch, denn sie rüttelt auf, hält den Finger auf wunde Punkte und zeigt uns eine Gesellschaft, die den Glauben an moralische Werte zunehmend verliert.

Im neuen Roman «Die Zeit der Ruhelosen» hinterfragt sie zum Beispiel das Verhalten der französischen Elite, die sich nur noch in ihren exklusiven Zirkeln bewegt und analysiert gnadenlos die Mechanismen der Macht.

Die Erfahrung des Scheiterns

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei Franzosen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen: Romain Roller, ein Soldat im Afghanistan-Einsatz; Osmaan Djiboulla, ein schwarzer Berater im Elysée-Palast und François Vély, ein brillanter Unternehmer in der Medien-Branche.

Was sie verbindet, ist die Erfahrung des Scheiterns: alle drei erleben einen radikalen Bruch in ihrer vielversprechenden Biografie und straucheln dann nicht nur beruflich, sondern geraten in Folge auch in ihren Ehen in Schwierigkeiten. Denn die Liebe – so heisst es im Roman – «die Liebe ist nicht gemacht für derartige Zerreissproben.»

Für Karin Tuil ist das Private ist immer auch politisch; und was in der gesamten Gesellschaft geschieht, hat unweigerlich Konsequenzen bis ins Innerste einer familiären Zelle.

Die Autorin baut ihr Buch nach dem Muster bewährter Fernseh-Serien: Geschickt wechselt sie zwischen den drei Hauptfiguren hin und her, schreibt in einer sinnlichen, eindringlichen Sprache und lässt jedes Kapitel mit einem Cliffhanger enden. So gelingt es ihr, das Publikum zu packen und dessen Aufmerksamkeit auch auf heikle Themen in der Gesellschaft zu lenken.

Alltag im Elysée-Palast

Karine Tuil schreibt, wie sie sagt, «weil das Leben unbegreiflich ist». Zur Arbeit gehören stets auch intensive Recherchen. Um sich zum Beispiel ein Bild vom Alltag im Innern des Élysée-Palastes zu machen, suchte sie die Nähe zu Regierungsbeamten und Redenschreibern.

Am liebsten zu jenen, die der Politik schon wieder den Rücken gekehrt hatten, «denn so brauchten sie kein Blatt mehr von den Mund zu nehmen.» Auch die geschiedene Gattin eines Präsidentenberaters habe ihr wichtige Informationen gegeben: «Sie erzählte mir, wie die Macht ihn verändert hatte.»

Essen mit François Hollande

Sogar mit François Hollande kam Karin Tuil in Kontakt: Bei einem Mittagessen, zu dem er ausgewählte Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen hatte, kam sie zufällig direkt neben ihn zu sitzen. Er habe ihr aus erster Hand interessante Erfahrungen vermitteln können und dabei die völlige Einsamkeit im Präsidentenamt herausgestrichen.

Dieser Faktor werde in der Literatur kaum beleuchtet, habe er gesagt, «all jene schwierigen Momente – nach einem Terroranschlag zum Beispiel – wo man ganz alleine wichtige Entscheide fällen musste.»

Karine Tuil wird vielleicht schon bald Gelegenheit haben, die Einsamkeit eines Staatspräsidenten näher zu beleuchten. Auf die Frage einer Journalistin, welche Persönlichkeit aus der aktuellen Politik sie am liebsten porträtieren würde, hat sie spontan Emmanuel Macron genannt.

Dessen schillernde Biografie interessiert sie: «Er ist ein Mann mit brillanter Intelligenz, der dankbaren Stoff für eine Romanautorin liefert.»

Emmanuel Macron wäre übrigens nicht der erste französische Präsident, der eine Autorin inspiriert: Auch Nicolas Sarkozy und François Hollande wurden schon von Schriftstellern literarisch verewigt.

Sendung: Radio SRF 1, Buchzeichen, 7. Mai 2017, 14.06 Uhr

Buchhinweis

Karine Tuil: «Die Zeit der Ruhelosen». Ullstein, 2017.

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F. Mantovani

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  • Karine Tuil (Bild: F. Mantovani)

    Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen

    Aus BuchZeichen vom 7.5.2017

    Karine Tuil zeichnet im Roman «Die Zeit der Ruhelosen» ein Frankreich im Ausnahmezustand: Erschüttert durch die Terroranschläge, verunsichert durch die kriselnde Wirtschaft und enttäuscht von den Intrigen narzisstischer Politiker.

    Das Buch liest sich wie eine Parabel über die französischen Wahlen.

    Buchhinweis: Karine Tuil. Die Zeit der Ruhelosen. Ullstein, 2017.

    Susanne Sturzenegger

  • Manische Ruhelosigkeit – Karine Tuils literarische Diagnose

    Aus Kulturplatz vom 3.5.2017

    Karine Tuil ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. Auch ihr neuer Roman fokussiert auf die brennendsten Probleme: «Die Zeit der Ruhelosen» erzählt von Rassismus, Terrorismus und Angst, und von Arroganz und Machthunger der Eliten. Und das sehr realistisch, denn Karine Tuil recherchiert intensiv in den Milieus, die sie beschreibt. Eva Wannenmacher trifft die grosse Erzählerin zum Gespräch über den Zerfall der Werte und die Zerrüttungen in der französischen Gesellschaft.

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