Karl Ove Knausgård ekelte sich vor fiktiven Sätzen

Der norwegische Starautor schreibt lang und voller Details. Ein manischer Schreiber sei Karl Ove Knausgård, sagt Übersetzer Paul Berf. Er hat die 3600-Seiten-Autobiografie «Min Kamp» ins Deutsche übersetzt. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung hat Paul Berf noch nie etwas Vergleichbares gelesen.

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Übersetzer Paul Berf über Karl Ove Knausgård

1:42 min, vom 12.11.2014

Paul Berf, wie ist es Knausgård zu übersetzen?

Es war eine sehr schöne Arbeit, weil die Bücher enorm bildhaft geschrieben sind und ich die Bilder gleich vor Augen hatte. Dadurch konnte ich sie gut ins Deutsche übertragen. Aber es war auch eine unglaublich anstrengende Aufgabe, die eine grosse Konzentration erforderte, gerade durch die Länge der Bücher und seine Detailwut. Das stellt immer eine gewisse Herausforderung dar.

Zeigt sich diese Intensität auch beim Schreiber Knausgård?

Er ist ein manischer Schreiber. Er schreibt täglich und immer, es gibt keine Pausen im Schreibprozess. Jedoch wird von dem, was er alles schreibt, nur das Allerwenigste in irgendeiner Form gedruckt. Er hat zwischen den einzelnen Bändern einige Jahre verstreichen lassen, obwohl er tagtäglich am Schreiben war, aber das Meiste ist in den Papierkorb des Computers gewandert.

Im Papierkorb. Warum?

Es ist einerseits ein Perfektionswille und andererseits ein ständiges Suchen nach einer Sprache oder nach einem Gegenstand, der über das Alltägliche, über die normale Literatur hinausgeht. In diesem Fall ist es so gewesen, dass er einfach den Gedanken an Fiktion aufgeben musste. Er schreibt sogar in einem Band, dass es ihn regelrecht geekelt hat, Sätze zu schreiben, die fiktiv sind, die nach einer Geschichte klingen. In dem Moment, wo er anfängt, über sich selbst, über seine Familie, vor allem über den Vater zu schreiben, ist dies für ihn wie ein Befreiungsprozess. Gleichzeitig aber auch der Versuch, zu etwas vorzudringen, das über sein Privates hinausgeht.

Zeichnung eines Mannes am Schreibtisch mit Papier, Stift und Zigarette.

Bildlegende: Karl Ove Knausgård schreibt ohne Unterlass – das meiste landet jedoch im Papierkorb. SRF/Cecilia Bozzoli

Haben Sie sich Knausgård nah gefühlt beim Übersetzen?

Es entsteht eine unglaubliche Nähe. Der Text in Deutsch funktioniert nur, wenn dieser Modus der Vergegenwärtigung, dieses Bildhafte, in der Sprache transparent wird. Was jedoch auch dazu führt, dass zwischen dem Autor und mir eine gewisse Distanz notwendig ist. Jedes Mal, wenn wir uns persönlich begegneten, sprachen wir nie über seine Bücher, sondern meistens über Fussball. Weil es ein unverfängliches Thema ist.

Wie würden Sie Knausgårds Sprache beschreiben?

Die Sprache ist nicht kompliziert, sie greift nicht auf grosses Fachwissen zurück oder betont besondere Aspekte. Es ist eine sehr klare, relativ einfache Sprache. Das ganze Erinnern des Autors läuft über Bilder, daher ist es eine sehr bildliche Sprache. Dies führt beim Leser dazu, dass diese Bilder sehr intensiv wahrgenommen werden.

Ein Fazit – was macht Knausgårds Werk für Sie aus?

Ich hatte das Gefühl, er schafft eine Literatur, wie ich sie so noch nicht gelesen habe. Dazu muss man sagen, ich lese wahnsinnig viel und seit Jahrzehnten Literatur. Es ist wirklich ein Ereignis, wenn man auf einen Autor stösst, der etwas im literarischen Raum macht, was man so noch nie gelesen hat. Ich glaube, das macht in diesem ersten Band diese unglaubliche Unmittelbarkeit, dieses «Bis ins Privateste gehen». Paradoxerweise erreicht er dadurch eine Universalität, in der sich etwas vom Menschsein ausdrückt, wie es typisch ist für unsere Zeit.

Zur Person

Der Kölner Skandinavist Paul Berf ist renommierter Übersetzer zahlreicher bekannter schwedischer, finnland-schwedischer und norwegischer Autoren. 2005 erhielt er den Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie.

Stimmen zu Knausgård

Bei SRF Kultur sprechen drei Experten über das Phänomen Karl Ove Knausgård:

Buchhinweis

Karl Ove Knausgård:

«Sterben», Luchterhand, 2011
«Lieben», Luchterhand, 2012
«Spielen», Luchterhand, 2013
«Leben», Luchterhand, 2014

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