Kiplings Geschichten über das harte Leben im indischen Empire

Rudyard Kipling – weltbekannt durch «Die Dschungelbücher» – begründete mit brillanten Geschichten aus Indien seinen Ruhm. «Falsche Dämmerung. Geschichten aus Indien» beinhaltet 40 neu übersetzte Erzählungen des Autors: komische und tieftraurige Kurzgeschichten aus dem Leben im indischen Empire.

Drei Frauen schauen fragend aus dem Bild heraus.

Bildlegende: Kipling zeigt in seinen Kurzgeschichten komplexe politische und gesellschaftliche Verhältnisse in Britisch-Indien. flickr/whatsthatpicture

Von 1834 bis 1939 zog im Sommer die gesamte Regierung Britisch-Indiens – inklusive Vize-König – hinauf nach Simla in Nordindien, wo die meisten der «Plain Tales from the Hills» spielen. Rudyard Kipling bildet diese Bewegung im Titel seines ersten Buchs mit einem Wortspiel nach: Als Fluchtorte vor der Hitze in der Ebene («plain») hatten die Engländer überall in ihrem riesigen Kolonialreich «Hill Stations» errichtet, Sommersitze in den Bergen, wo es etwas kühler war.

«Plain», im Sinn von «schlicht» oder «einfach», sind Kiplings frühreife Meistererzählungen allerdings nicht. Sondern von einer «tückischen Kunstfertigkeit», wie Autor und Kipling-Experte Gisbert Haefs sagt. Haefs hat die 40 Geschichten, die bisher nur verstreut publiziert waren, kongenial neu übersetzt und mit einem spannend zu lesenden Anmerkungsapparat versehen.

Direkt und lakonisch

Nahaufnahme des Autors Kipling.

Bildlegende: Für Kipling war Indien Heimat, auch wenn er nur beinah ein Dutzend Jahre im Land verbrachte. Wikimedia/Library of Congress

Einen anderen Wortsinn von «plain» bestätigen Kiplings Miniaturen aufs Schönste: Sie sind direkt. Und so frisch und lakonisch frech, als wären sie von heute. Bemerkenswert: Kipling schrieb sie neben einem Arbeitspensum, das «nie weniger als 10 und selten mehr als 15 Stunden täglich» betrug. Im Alter von 17 Jahren, nach der Schulzeit in England zurück bei den Eltern in Lahore im heutigen Pakistan, heuerte er bei der wichtigsten Tageszeitung des Empire an. Wobei die Redaktion nur aus ihm und dem Herausgeber bestand. Das Arbeitspensum für die beiden war also enorm.

Chronischem Fieber und Typhusschüben zum Trotz, frass sich Kipling regelrecht durch noch das entlegenste Detail des Alltags auf dem indischen Subkontinent. Er verkehrte in den höchsten Kreisen genauso selbstverständlich wie unter Randständigen. Überhaupt war er viel zu landeskundig, um Vorurteilen das Wort zu reden. Ein schönes Beispiel dafür ist die Antwort an eine Cousine in England, die über die «natives» informiert werden wollte. Der 20-Jährige gab ihr einen Überblick über den damaligen Vielvölkerstaat, der sich gewaschen hatte und vermeldete kühl: «So etwas wie ‹indische Eingeborene› gibt es nicht.»

Realität statt Exotik

Exotik sucht man in den Geschichten vergeblich. Das hat auch damit zu tun, dass Kipling sich bedingungslos für die Realität interessierte. Und Realität hiess: komplexe politische, gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Verhältnisse einerseits, ein Alltag, der oft sehr fern von den Klischees kolonialen Lebens war, andererseits.

Statt der Musselin-Kleider und der Tropenhelme, der Nachmittagstees und der Heerscharen dunkelhäutiger Diener, die stoisch Sonnenschirme über die weissen Herrschaften halten, statt der Pracht der Raja-Paläste und des pittoresken Gewimmels auf den Strassen, beschreibt Kipling vor allem eines: Arbeit. Arbeit in ihren Mechanismen, oft mühselig und frustrierend, werde sie nun vom Vize-König, dem kleinen britischen Beamten, dem einfachen Soldaten oder dem einheimischen «Wallah» ausgeführt.

Kipling, ein ausgebuffter Psychologe

Was Kipling da an Geschichten zutage fördert, ist hinreissend: Mobbing und Burnout, Karriere-Tricksereien und stilles Schaffen ohne Lohn und Dank – er schildert es mit hohem Wiedererkennungswert auch für heutige Leserinnen und Leser. Und erweist sich dabei als ausgebuffter Psychologe. Man kann sich nur wundern, wie ein 20Jähriger es schaffte, auf jeweils wenigen Buchseiten bis in die feinsten Verästelungen zu beschreiben, was Menschen untereinander und in sich selbst anrichten können.

Über den Geschichten liegt auch eine eigentümliche Kälte, vergleichbar den Erzählungen Raymond Carvers. So wie Carver ein Sittenbild Kaliforniens zu Ende des 20. Jahrhunderts zeichnet und die Mär vom Leben auf der Sonnenseite Lügen straft, zeigt Kipling mit ätzendem Witz, wie hart und beschränkt das Leben im indischen Empire sein konnte – auch für die Engländer. Gefangen in rigiden Konventionen, waren sie nirgends zuhause, weder im Mutterland noch in der Kolonie.

Barde des Empire?

Bei Kipling war das anders: Für ihn war Indien Heimat, auch wenn er insgesamt kein Dutzend Jahre in dem Land verbrachte. Dort wurde er 1865 geboren, er sprach Hindustani, bevor er Englisch lernte, und er hat seinen Lebtag über so gut wie nichts anderes als Indien geschrieben. Das hat ihm den Ruf eingebracht, ein Barde des Empire zu sein, ein Imperialist und Fürsprecher des Kolonialismus.

Die teils verbiesterten Anschuldigungen berühmter Kollegen mögen auch etwas mit der Irritation darüber zu tun gehabt haben, dass Kipling sich nicht dem hehren Ausdruck des Schönen, Wahren und Guten widmete. Der Mann, von dem Henry James dachte, «er enthielte vielleicht den Samen zu einem englischen Balzac», nahm lieber den schnöden Alltag unter die Lupe, wenn er nicht gerade Märchen für Kinder schrieb. Damit war er so modern wie mit dem Satz «East is East, and West is West, and never the twain shall meet», den man ihm so oft zum Vorwurf machte. Es ist nämlich sicher nicht ganz falsch, ihn als Ausdruck von Respekt gegenüber der Komplexität des Andersartigen zu lesen.

Literaturhinweis

Rudyard Kipling: «Falsche Dämmerung. Geschichten aus Indien.» Fischer Verlag, 2014.

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