Grösste US-Buchmesse Kleine Verlage träumen weiterhin von «digitaler Ermüdung»

Die Trends der grössten US-Buchmesse «BookExpo» in New York sind Blockbuster, E-Books und nicht-amerikanische Literatur.

Frau vor einem Bücherregal

Bildlegende: Amazon ist der grösste Einzelhändler von Büchern und E-Books. Keystone

Das Wichtigste in Kürze:

  • In den USA setzen Verlage neben amerikanischen Blockbustern vermehrt auf nicht-amerikanische Titel.
  • Es gibt keine Anzeichen «digitaler Ermüdung»: E-Books werden zahlreich verkauft, doch geht ein grosser Teil der Umsätze an den traditionellen Verlagen vorbei.
  • Amazon ist inzwischen der grösste Einzelhändler – nicht nur für Bücher. Die Einführung des Lesegeräts Tolino in Deutschland, Österreich und der Schweiz bremst Amazons Macht ein wenig.

Die amerikanischen Leser und die Verlage trotzen dem nationalistischen Trend der Trump-Regierung: Es werden sehr viel mehr Werke aus dem Ausland angefragt, übersetzt und gelesen. Das sagen auf der BookExpo 2017 übereinstimmend Marktbeobachter.

Grosse Namen sollen die Kassen zum Klingen bringen

Ein möglicher Grund: Das Leserpublikum interessiert sich mehr für auswärtige Literatur, weil der grosse heimische Blockbuster im vergangenen Jahr ausblieb.

Neben verstärkter Übersetzungsarbeit setzen die grossen Verlage weiterhin auf berühmte Autoren. In den kommenden Wochen sollen so die Kassen schnell klingeln.

John Grisham wird am 6. Juni einen neuen Thriller veröffentlichen. Der Krimiautor Michael Connelly beginnt Mitte Juli eine neue Romanserie. Und Horrormeister Stephen King wirft im Herbst «Sleeping Beauties» auf den Markt. Ein gutes Dutzend weiterer Blockbuster-Autoren geht ebenfalls in Stellung.

Der US-Buchmarkt ist übersättigt

Doch was gut für die Verlagsumsätze ist, bringt nicht unbedingt Vorteile für bereits veröffentlichte Literatur und deren Autoren. Denn wenn Millionen in Werbeetats, Buchtouren und Lesungen weniger Blockbuster-Hoffnungen gesteckt wird, bleibt für die «mid list» und die «backlist» im Verlagsprogramm nicht mehr viel übrig.

So oder so ist der US-Buchmarkt übersättigt. Allein der grösste Verlag Penguin Random House veröffentlicht pro Tag durchschnittlich vier Bücher.

«Digitale Müdigkeit» ist Wunschdenken

Was die Branche umtreibt, ist das E-Book. Welchen Spagat sollen Verlage zwischen digitalen und gedruckten Ausgaben gehen? Die Traditionalisten hegen weiterhin mit der Hoffnung, das gedruckte Buch befinde sich wieder im Aufwind. Ihr Stichworte lautet «digitale Müdigkeit», der die Leserschaft angeblich entkommen will.

Grosse Halle mit Treppenaufgang. Überall hängen Plakate mit Büchern drauf.

Bildlegende: Die BookExpo 2017 in New York setzt auf Namen und nicht-amerikanische Literatur. Getty Images

Aber die damit verknüpfte Hoffnung beruht auf einem Trugschluss: Die Statistiken der vergangenen Jahre ignorieren die verkauften E-Books bei Amazon. Ein Grossteil davon wird vom Autor auf eigene Faust veröffentlicht – zum Beispiel auf Online-Plattformen.

Deshalb haben diese Titel keine registrierte ISBN-Nummer und findet sich nicht in der offiziellen Datenerhebung.

Amazon dominiert fast alles

Am Anfang des Jahres sorgt die Fachmesse Digital Book World in New York für eine erste Klarstellung der wirklichen Marktentwicklung. Selfpublisher haben sich die Mühe gemacht, eigene Daten zu sammeln.

Das Ergebnis: Es existiert eine veritable Schattenökonomie, mit über einer Milliarde Dollar aus Selfpublishing-Veröffentlichungen, die die Verlage nicht kennen.

Dafür ist fast ausschliesslich Amazon verantwortlich. Der Riesenkonzern ist inzwischen der grösste Einzelhändler – nicht nur für Bücher. Die Amazon-Aktie hat sich in den letzten fünf Jahren verfünffacht und überquert vor wenigen Tagen zum ersten Mal kurz die 1000-Dollar-Marke. Selbst dass der Markt für Druckwerke robust geblieben ist, geht auf Amazon zurück.

Das Lesegerät Tolino bremst Amazons Druck

Dass sich die Marktverhältnisse mit ihrem A-Riesen anderswo nicht durchsetzen, liegt an der Vorreiterstellung der USA, die gleichzeitig zum warnenden Beispiel wurde.

«Ein kluger Zug» sei deshalb die Entwicklung des Lesegeräts Tolino in Deutschland, Österreich und der Schweiz, lobt der Chefredakteur der internationalen Fachzeitschrift «Publishing Perspectives» Porter Anderson.

Tolino sei eine echte Alternative zu Amazon für den deutschen Buchhandel – von dem nicht nur grosse deutsche Verlagshäuser profitieren. Das habe den Druck, den Amazon auf die Branche in den USA ausübt, abgefedert.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 2.6.2017, 17:15 Uhr.

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