Kleiner Sprachraum, grosse Leserschaft

Die Niederlande und Flandern sind gemeinsam Gast an der Frankfurter Buchmesse – nach 1993 bereits zum zweiten Mal. Das zeigt: Die niederländisch-flämische Literatur stösst auf grosses Interesse. Sie wird auch entsprechend gefördert.

Eine Frau liest ein Buch, ihr Fahrad hat sie am Geänder aufgehängt, das sie von einem Kanal trennt.

Bildlegende: 86 Prozent aller Niederländer haben im letzten Jahr mindestens ein Buch gelesen. Das ist fast Weltrekord. Getty Images

  • Die Niederländer sind lesefreudig: 86 Prozent der Bevölkerung haben im letzten Jahr mindestens ein Buch gelesen. Nur in Schweden liest man mehr.
  • Die öffentliche Hand sorgt in beiden Ländern dafür, dass Geschichten der einheimischen Autoren übersetzt werden, was bei etwa einem Drittel der Fall ist.
  • In den Niederlanden gibt es seit den 1930er-Jahren eine Bücherwoche, die traditionell mit einem Ball eröffnet wird. In Flandern gibt es eine zusätzliche Buchmesse.

Eine Bücherwoche im Frühling

Ein paar Mal im Jahr dreht sich im niederländisch-flämischen Sprachgebiet fast alles um Literatur. Das mit Abstand wichtigste Ereignis ist jeweils im Frühling die zehn Tage dauernde «Bücherwoche».

In dieser Zeit bekommen alle, die in den Niederlanden oder in Flandern einen Einzelband kaufen, das «Bücherwochengeschenk»: ein 96 Seiten dickes Büchlein, das von einem berühmten Autor, einer berühmten Autorin speziell für diesen Anlass verfasst wurde.

Die Absicht: Die Leserschaft soll mit einem neuen Schriftsteller Bekanntschaft machen. In all den Jahren – die Bücherwoche gibt es seit den 1930er-Jahren – haben alle von Rang und Namen das «boekenweekgeschenk» geschrieben: Hella Haasse, Cees Noteboom oder Hugo Claus, aber auch jüngere Autorinnen wie Anna Enquist oder Connie Palmen.

Ein Buch als Bahnbillett

Die Bücherwoche wird traditionell mit dem grossen Bücherball im Amsterdamer Stadttheater eröffnet. Hier zeigt sich die gesamte schreibende Zunft mitsamt vielen Verlagsangestellten, was von vielen Fernsehkameras jeweils dokumentiert wird.

Fassade eines Theaters in Amsterdam.

Bildlegende: In der Stadsschouwburg – dem Amsterdamer Stadttheater – findet alljährlich der niederländische Bücherball statt. Wikimedia

Allerdings hat das Tanzfest einen elitären Ruf. Denn Nicht-Literaten bekommen unter keinen Umständen Zugang. Seit ein paar Jahren wird deshalb ein alternativer Bücherball abgehalten.

An der Bücherwoche beteiligen sich die niederländischen Eisenbahngesellschaften als Sponsor. Deshalb gilt das kleine, verschenkte Büchlein jeweils an einem Tag als Gratis-Billett. Etwa eine Viertelmillion Reisende machen von diesem kostenlosen Angebot jeweils Gebrauch.

Büchermesse in Antwerpen

In Flandern gibt es im Winter zusätzlich eine zwölf Tage dauernde Büchermesse. Anders als an jener in Frankfurt, wo sich alles ums Geschäft mit den Lizenzen dreht, dient die in Antwerpen in einer grossen Halle stattfindende Expo in erster Linie dem Verkauf der Druckerzeugnisse.

Flämische Leseratten tätigen an diese Messe nicht nur ihre Weihnachtseinkäufe. Sie decken sich dort mit Literatur für das ganze Jahr ein. Im flämischen Teil Belgiens gibt es nur gerade 300 Buchhandlungen (in den Niederlanden sind es 1500). Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb diese Büchermesse so gut besucht wird.

TV-Show für Buchhändler

Natürlich gibt es in beiden Ländern literarische TV-Sendungen. Aber keine hat soviel Einfluss wie das Vorabendprogramm «Die Welt dreht durch» (DWDD), das im niederländischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wird und in Flandern auch zu sehen ist.

DWDD, das einen attraktiven Themenmix aus Aktuellem und Hintergründigem bringt, lockt von Montag bis Freitag eineinhalb Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Bildschirm.

Einmal pro Monat werden in einem zwölfminütigen Block die neusten Bücher vorgestellt. Allerdings nicht wie üblich durch einen Literaturredaktor, sondern durch vier Buchverkäuferinnen und Buchverkäufer.

45 Sekunden für ein Buch

Bevor diese jedoch vor die Kamera dürfen, müssen sie ein kompliziertes Auswahlverfahren durchstehen. DWDD ist ein sehr schnelles Programm, für das Anpreisen eines Buches gibt es nur 45 Sekunden. Ein Panelmitglied muss deshalb sehr genau wissen, was es sagen will.

Das Konzept ist äusserst erfolgreich: Die Verkaufszahlen eines Buches, das in diesem Programm vorgestellt wurde, steigen jeweils rasant an. Hilfreich ist auch ein Sticker, auf dem steht «empfohlen durch DWDD».

Es gebe aber auch Kunden, die sie bitten würden, diesen Kleber zu entfernen, erzählt Monique Burger, Besitzerin eines Amsterdamer Buchladens und langjähriges DWDD-Panelmitglied.

Niederländische Leseratten

Die Niederlande sind eine besonders lesefreudige Nation. Erhebungen zeigen, dass 86 Prozent der rund 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner im letzten Jahr mindestens ein Buch gelesen haben. Das ist nahezu ein Weltrekord – nur in Schweden wird noch mehr gelesen.

In Flandern (6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner) ist es etwas weniger. Aber auch dort hat Literatur einen hohen Stellenwert. Und wird entsprechend gefördert mit vielen Preisen und Fonds.

Darüber hinaus sorgt die öffentliche Hand in beiden Ländern dafür, dass die Geschichten der einheimischen Autorenschaft auch übersetzt werden, was bei rund einem Drittel der Fall ist.

Interesse im Ausland

Dass die niederländische und flämische Literatur auch im Ausland stark interessiert, ist nicht von der Hand zu weisen. Sonst hätten die Verantwortlichen der Buchmesse in Frankfurt die beiden Ländern nicht schon zum zweiten Mal als Gastländer eingeladen.

Das hat auch mit der Thematik zu tun. Früher wurde viel über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, inzwischen sind die Stoffe kosmopolitischer geworden. Es erscheinen auch viele Familienromane und Alltagsgeschichten, die reissenden Absatz finden. Vor allem in Deutschland.

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