Leipziger Buchpreis 2013: David Wagner «Leben»

Im Roman «Leben» von David Wagner leidet der Ich-Erzähler an einer tödlichen Leberkrankheit. Nur eine Organspende kann ihn retten. Nüchtern, aber mit Feingefühl schildert der Autor wie der Patient hofft und wartet. Es ist Wagners eigene Geschichte – damit gewinnt er den Leipziger Buchpreis 2013.

Der Autor David Wagner

Bildlegende: Preisgekrönt: David Wagners «durchlittene Erfindung». Keystone

Der Kranke ist auf der Warteliste für eine Spenderleber. «Jeden Tag steigt die Wahrscheinlichkeit zu sterben. Jeden Tag steigt auch die Chance zu überleben – nur muss vorher ein anderer sterben.»  Eines Tages klingelt das Telefon. Es gibt eine passende Leber.

Das zweite Leben

Diesen Anruf hat er erwartet, diesen Anruf hat er gefürchtet. Die Sonne scheint und er denkt: «Ach, ich würde gern noch ein wenig bleiben, ein paar Jahre vielleicht.» Und da ist noch das Lachen seines kleinen Mädchens, das ihm den Mut gibt weiter zu leben. Die Transplantation gelingt, und nach einer langen Rekonvaleszenz beginnt ein neues Leben.

Am Anfang des Buches steht der Satz: «Alles war genau so und auch anders». David Wagner hat alles selbst erlebt. In seiner Kindheit wurde eine Autoimmun-Hepatitis diagnostiziert. Über zwanzig Jahre lebte er mithilfe von Medikamenten ein relativ normales Leben, bis die kranke Leber ihre Funktion nicht mehr erfüllen konnte.

Autobiografie oder Roman?

«Das namenlose Ich im Roman bin nicht ich», betont Wagner in einem Interview. Doch wer das Buch liest, merkt sofort, so kann nur einer schreiben, der das selbst erlebt hat.  

Um Gefühle zu beschreiben, braucht er nur wenige Worte. In 277 kurzen Episoden erzählt er unaufgeregt eine/seine Krankengeschichte. Ohne Schnörkel, ohne Pathos – aber mit Feingefühl und Humor.

Es ist nicht einfach, immer dankbar zu sein

Manchmal plagt ihn das schlechte Gewissen: «Müsste ich nicht von morgens bis abends jubeln, jeden Tag? Ununterbrochen?» Im Krankenbett hat der Patient viel Zeit. Viel Zeit um an den unbekannten, toten Menschen zu denken, der ihm eine neue Leber geschenkt hat.

Er spricht mit ihm: «Wir haben uns gefunden. Und wir haben uns verpasst. Und leben noch ein bisschen. Du durch mich und ich durch dich.»
«Leben» ist keine Heldengeschichte. Es ist ein nachdenkliches Buch und es thematisiert etwas, was alle angeht. Etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten. Jeder oder jede könnte mal ein Spendeorgan benötigen.

David Wagner bekommt den Leipziger Buchpreis 2013

Für seinen «erfundenen Erfahrungsbericht» oder die «durchlittene Erfindung» wurde David Wagner am Donnerstag, 14. März 2013 in Leipzig ausgezeichnet. Er beherrsche die Kunst der Aussparung und die fragmentarische Form spiegele die Zebrechlichkeit eines Lebens. David Wagners Geschichte beweise, was Literatur im äussersten Fall vermöge, sagte die Wiener Literaturkritikerin Daniela Strigl in ihrer Laudatio.

Bei der Übergabe des Leipziger-Buchpreises bedankte sich David Wagner für die Auszeichnung und erwähnte noch, dass er den eigentlichen Preis schon bekommen habe. Er meint damit sein zweites Leben.

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