Lesen kann die Seele öffnen: Romane als Diagnosehelfer

Der Analytiker profitiert bei der Lektüre von Romanen gleich zweimal, schreibt der Psychoanalytiker Tilmann Moser: einmal als Literaturliebhaber, aber auch als Tiefenpsychologe, der die Geschichten liest, als wären sie Patienten. Diese Erkenntnisse bringen Nutzen für seine wirklichen Patienten.

Venezianische Maske.

Bildlegende: Auch ein Romanautor blickt hinter die Masken: Manches sei in der Literatur an Krankheitsbildern vorweggenommen. Colourbox

Die Buchmessen in Zürich und Basel sind vorbei, und manche haben sich zum Kauf von Büchern animieren lassen. Dabei geht es einem mit Büchern manchmal so wie mit Menschen: Sie wirken gut, klingen gut, aber zum Schluss ärgern sie einen oder machen einfach ratlos. Damit kann man sich abfinden oder aber sich fragen: «Warum reagiere ich so widerwillig auf die Hauptfigur des Romans?». Genau zu dieser Frage möchte der Psychoanalytiker Tilmann Moser mit seinem Buch «Lektüren eines Psychoanalytikers» verführen.

Der eigene emotionale Widerhall

Im Vorwort zu seinem Buch schreibt Tilmann Moser, dass er beim Lesen «in intuitiver Verbindung mit seiner eigenen Seelenbiografie, den mitfühlenden Gang in die Tiefe menschlicher Erlebnisformen wagt.» Seine «literarische Ausbeute» versucht er uns Lesern näher zu bringen. Was wir davon haben? Wir können uns auf Mosers literarischen Fährten empfindsamer machen für den besonderen Widerhall, den die Romanhelden und -heldinnen bei uns auslösen.

Sprachrausch des Ekels

Kürzlich gab der Film «Feuchtgebiete» zu reden; mit dem gleichnamigen Buch landete Charlotte Roche vor ein paar Jahren einen Bestseller. Ein Buch, das überall besprochen wurde, ein Buch, in dem alle nur möglichen Ekelphantasien der jungen, weiblichen Hauptperson zur Sprache kommen. Was bewegte so viele Menschen, dieses Buch zu kaufen? Für Tilmann Moser ist es eine Rebellion gegen das grosse, gesellschaftliche «Pfui» gegenüber unseren Ausscheidungen, gegenüber unserem Körperinnern, das in vielen Bereichen tabuisiert wird. Er stellt eine Art Sprachrausch des Ekels fest, mit dem die Autorin ihre Leserschaft zu fesseln vermochte.

Die «Pfui-Wörter» in der psychoanalytischen Praxis

Viele Patienten trauen sich in der Therapiestunde nicht, verbotene Wörter in den Mund zu nehmen. Zu tief wurzelt die Erziehung in ihnen, dass sich das einfach nicht gehört. Für die Analytiker sei das nicht so einfach. Charlotte Roche hingegen brachte mit ihren Feuchtgebieten zur Sprache, was eher der Sprachlosigkeit angehört. Für Tilmann Moser brachte die Lektüre der «Feuchtgebiete» einen bewussteren sprachlichen Umgang mit schwierigen Wörtern. Manchmal bitte er einen Patienten, alle schmutzigen Wörter zu sagen, die ihm so einfielen. Manche reagierten darauf völlig blockiert. Erst, wenn Tilmann Moser vom «A-Wort» spreche, gebe es erlöstes Gelächter, und die Sprachlosigkeit sei gebrochen.

Die Verbindung von Literatur und Psychoanalyse

Bereits Sigmund Freud pries seinerzeit den Schriftsteller Arthur Schnitzler als seelenkundigen Kollegen. Manches sei in der Literatur an Krankheitsbildern vorweggenommen, was später in der psychoanalytischen Literatur eine Diagnose bekomme, so Tilmann Moser. Einst war es die Hysterie, heute ist es die Borderline-Störung. Sich gleichzeitig gross und klein im Leben zu fühlen,das Pendeln zwischen Grössenwahn und Nichtigkeit, oder sich mit zu viel Nähe oder immenser Distanz gegenüber den Mitmenschen zu verheddern, sind Schwierigkeiten, die in modernen Romanen zur Sprache kommen.

Die Menschen dort sind umzingelt von Gefühlen der Verlorenheit, Bodenlosigkeit und Sinnlosigkeit. Damit schlagen sich nachweislich nicht nur die Romanfiguren herum, sondern auch Patienten, die in die psychoanalytische Praxis kommen. Manchmal, so Moser, bekomme er aus Romanen mehr Hilfe, um einen Patienten zu verstehen, als in einer wissenschaftlichen Abhandlung.

Buch-Hinweis

Tilmann Moser: «Lektüren eines Psychoanalytikers» Psychosozial Verlag, 2013.

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