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Lesen mit Simone Meier «Das Unglück von Andersens Figuren berührte mich schon als Kind»

Legende: Video Unterwegs sein: Der Literaturclub im Juni abspielen. Laufzeit 75:00 Minuten.
Aus Literaturclub vom 26.06.2018.

«Literaturclub»-Gastkritikerin Simone Meier liest vor der Arbeit und vor dem Einschlafen. Hans Christian Andersens melancholische, morbide Märchen von kleinen Meerjungfrauen, Schneeköniginnen und Mädchen mit Schwefelhölzern haben ihr die Liebe zum Lesen eröffnet.

Simone Meier

Simone Meier

Kulturredaktorin

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Simone Meier ist Kulturredaktorin beim Online-Portal Watson. Im November 2017 wurde sie zur «Kolumnistin des Jahres» gewählt. Ebenfalls 2017 erschien mit «Fleisch» ihr zweiter Roman im Verlag Kein & Aber.

SRF: Was ist Ihr liebstes Buch?

Eins gibt’s nicht. Aber zwei. «Anna Karenina» von Tolstoi und «Madame Bovary» von Flaubert. Klug, süffig, fiebrig, radikal. Zwei Frauen sehnen sich nach Liebe, Sex und Leidenschaft, nehmen sich die entsprechenden Freiheiten, zerschellen schliesslich an den Gesetzten der Realität und bringen sich um.

Bevorzugter Leseort? Wann lesen Sie überhaupt?

Jeden Morgen, bevor ich zur Arbeit gehe in einem riesigen alten Ohrensessel. Jede Nacht vor dem Einschlafen im Bett. An freien Tagen im Ohrensessel. An freien Nachmittagen im Bett. Womit meine beiden bevorzugten Leseorte einigermassen klar sein sollten.

In Zügen, auf Flügen, in Cafés kann ich am besten lesen, wenn um mich herum eine Fremdsprache gesprochen wird, die ich höchstens mittelgut verstehe. Italienisch etwa ist eine wundervolle Lesekulisse.

Mehrere Bücher gleichzeitig? Eins nach dem anderen?

Unbedingt eins nach dem andern. Beim Fremdgehen bleibt immer eins auf der Strecke.

Ein Buch, das Ihnen die Liebe zum Lesen eröffnet hat?

Hans Christian Andersens melancholische, morbide Märchen von kleinen Meerjungfrauen, Schneeköniginnen und Mädchen mit Schwefelhölzern. Dieses brutale Unglück von Andersens Figuren berührte mich schon als Kind mehr als jedes Bullerbü- und Pippi-Idyll von Astrid Lindgren.

Eins, das Sie immer wieder zur Hand nehmen ?

Tatsächlich die Andersen-Märchen. Die laufen bei mir auch immer wie eine archaische Referenz-Folie im Hintergrund mit. Immer, wenn ich unglücklich verliebt war, hab ich mich mit der kleinen Meerjungfrau identifiziert, die von ihrem angebeteten Prinzen zwar wie eine kleine Schwester gemocht, aber nicht wie eine Frau geliebt wird.

Ein Buch, bei dem Sie laut lachen mussten?

Restlos alle Bücher der leider verstorbenen Sue Townsend, besonders die «Adrian Mole»-Tagebücher.

Eine Leseleiche: ein Buch, das Sie einfach niemals beenden?

Irgendein Buch von Karl Ove Knausgård. Zu langweilig. Zu lang.

Ein Buch, das Sie gerne verschenken?

Ich verschenke natürlich oft Bücher, aber ungern. Bei meinen eigenen habe ich immer das Gefühl, die Leute unangenehm zu belästigen. Bei denen von anderen Autorinnen und Autoren bin ich mir total sicher, dass die Beschenkten die schon in dreifacher Ausführung zu Hause stehen haben.

Ich erinnere mich an zu viele Weihnachten, als ich Bücher, die ich schon gelesen hatte, unter dem Baum fand. Allerdings hatte das Umtauschen seinen ganz egozentrischen Reiz und endete unausweichlich beim neusten Mädchen-Abenteuerbuch von Federica de Cesco.

Ein Buch, das Sie Kindern gerne vorlesen?

Oje, wenn ich etwas nicht kann, dann Kindern vorlesen. Da sind die Erwartungen zu hoch. Vielleicht, weil meine Mutter eine ausgezeichnete Vorleserin war.

Wenn ich es allerdings könnte, so würde ich es wahrscheinlich mit dem surreal herzigen «Rösslein Hü» von Ursula M. Williams versuchen. Das habe ich als Kind sehr geliebt. Ich besass auch ein Rösslein Hü aus Holz. Leider war es innen nicht hohl wie das im Buch und man konnte nichts darin verstecken.

Ein Buch, dem Sie mehr Leser wünschen?

Millionen von Leserinnen und Lesern wünsche ich ganz parteiisch Büchern, die ich restlos super finde, deren Autorinnen und Autoren mir aber auch persönlich am Herzen liegen. Also: «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen» von Dana Grigorcea, die Stremmer-Trilogie von Christoph Höhtker, «Metrofolklore» von der frustrierend hoch begabten Patricia Hempel. So, Ende des Werbefensters.

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