Lesenswert: Acht Bestseller aus Flandern und den Niederlanden

Frankfurt feiert Flandern und die Niederlande auf der Buchmesse. 250 niederländischsprachige Werke sind neu auf Deutsch erschienen: Klassiker über Kolonialgeschichte, Familiendramen, Geschichten aus der angesagten Kunstszene. Acht Tipps aus unserer Literaturredaktion.

Eine Frau streckt einen Strauss Tuplen in die Kamera.

Bildlegende: Was den Verkauf angeht, ist die Tulpe weit vor der Literatur. Nicht aber, was Farbigkeit und Vielseitigkeit angeht. FLICKR/Pro Flowers

Die niederländischsprachige Literatur (aus den Niederlanden und aus Flandern, dem niederländisch sprechenden Teil Belgiens) erlebt seit den 1990er-Jahren einen Aufschwung. Lange Zeit beschäftigte sie sich vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg und der ehemaligen Kolonie Indonesien. Heute sind es vor allem Themen mit Gegenwartsbezug und Alltagsnähe, die Autoren und Autorinnen inspirieren.

Der Gastland-Auftritt an der Frankfurter Buchmesse 2016 hat Verlage animiert, über 250 niederländischsprachige Werke neu in deutscher Übersetzung herauszugeben.

Köpfe der niederländischsprachigen Literatur

    • Porträt der Schriftstellerin Griet Op de Beeck.

      Bildlegende: Schriftstellerin Griet Op de Beeck. Wikipedia / Vera de Kok

      Der neue Liebling aus Flandern

      «Komm her und lass dich küssen» von Griet Op de Beeck: Drei Kapitel, dreimal Mona. Mona als 9-Jährige, die für ihr Alter zu viel Verantwortung übernimmt, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Mona mit 24, die vermittelt und Fehler der anderen ausbügelt. Und Mona mit 36, immer noch auf der Suche nach Liebe und Sicherheit. Die flämische Schriftstellerin gibt einen Einblick in die Seele eines Menschen und erzählt mit Empathie und Humor von den grossen und kleinen Katastrophen einer verkorksten Familie. Vor allem die Dialoge sind grossartig. Genauso sprechen Leute.

    • Ein Porträt des Schriftstellers Hugo Claus.

      Bildlegende: Schriftsteller Hugo Claus. Keystone

      Der Klassiker aus Flandern

      «Der Kummer von Belgien» von Hugo Claus: Mikroskopisches Bild des Alltagslebens vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg in einem flämischen Dorf. Durch die Augen des klugen Louis lernen wir seine Grossfamilie, die Einwohner von Halle, Wallonen und Flamen, aber auch Nationalisten oder zurückgekehrte Ostfröntler kennen – alle mit ihrem eigenen Dialekt und Vokabular. Ernste Themen wie Kollaboration, Nationalismus oder Sprachenstreit kommen en passant zur Sprache. Aber anders als der Titel vermuten lässt, erzählt Hugo Claus bunt, locker und verspielt.

    • Ein Porträt des belgischen Schriftstellers Willem Frederik Hermans.

      Bildlegende: Der belgische Schriftsteller Willem Frederik Hermans. Wikipedia / Roland Gerrits

      Der Klassiker aus den Niederlanden

      «Nie mehr schlafen» von Willem Frederik Hermans: Ein junger Stubengelehrter reist für eine wissenschaftliche Arbeit aus den sumpfigen, wohl geordneten Niederlanden in den hohen Norden von Skandinavien und erlebt dort die echte Natur. Ein eindringlicher psychologischer Bericht über Zweifel und Überwindung mit einem typisch Herman’schen Schlussakkord. Er erzählt von der Kleinheit des Menschen und der Wissenschaft, ist mitreissend und sarkastisch geschrieben. Dieser zeitlose Roman gilt als einer der Höhepunkte der niederländischen Nachkriegsliteratur.

    • Ein Porträt der niederländischen Schriftstellerin Hella Haasse.

      Bildlegende: Die niederländische Schriftstellerin Hella Haasse. Wikipedia / Eric Koch

      Grande Dame der niederländischen Literatur

      «Der Schwarze See» von Hella Haasse: Die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Sohn eines niederländischen Plantagenverwalters und einem inländischen Jungen. Sie spielt vor dem Hintergrund des immer schwieriger werdenden Verhältnisses zwischen den niederländischen Kolonialherren und den Einheimischen von «Hollands Indië», dem heutigen Indonesien. Die dort geborene Niederländerin Hella Haasse schrieb diese Novelle 1948, ein Jahr vor der Unabhängigkeit Indonesiens. Ein bis heute beliebtes Buch und zudem ein wichtiges Dokument der nicht gerade ruhmreichen Kolonialgeschichte der Niederlande.

    • Ein Porträt des niederländischen Schriftstellers Joost Zwagerman.

      Bildlegende: Der niederländische Schriftsteller Joost Zwagerman. Joost Zwagerman

      Die Novelle des Rebellen

      «Duell» von Joost Zwagerman: Die junge Künstlerin Emma Duiker ist eine begabte Kopistin. Im Rahmen eines Kunstprojekts kopiert sie Rothkos «Untitled No. 18» so detailgenau, dass niemand Unterschiede erkennt. Später entdeckt der Museumsdirektor, dass die Kopie in der Sammlung hängt. Duiker hat die Bilder heimlich ausgetauscht und ist mit dem Original abgehauen. Jost Zwagerman, der sich im letzten Jahr das Leben genommen hat, bietet mit diesem Sensationsbestseller einen vergnüglichen und einfallsreichen Einblick in die hippe niederländische Kunstszene.

    • Ein Porträt des niederländischen Autors Arnon Grunberg.

      Bildlegende: Der niederländische Autor Arnon Grunberg. Keystone

      Das neuste Werk des Vielschreibers

      «Muttermale» von Arnon Grünberg: Psychiater Otto Kadoke hat es nicht leicht. Der Spezialist für Selbstmordprävention muss in seinen Nachtdiensten Patienten und Patientinnen davon abhalten, sich das Leben zu nehmen. Tagsüber sorgt er auch noch für seine schwerkranke Mutter. Der neue Roman von Arnon Grünberg trägt zweifellos autobiografische Züge. Und wie immer überrascht der gefeierte Autor auch in diesem Roman mit unerwarteten Plot Wendungen. Nur sein Sarkasmus ist etwas leiser geworden.

    • Nahaufnahme der Autorin.

      Bildlegende: Ilse Bos. Verlag Urachhaus

      Das Kinderbuch

      «Die wilde Meute» von Ilse Bos: 13 Kinder leben auf dem Wohnboot «Blauschute» am Rand irgendeiner niederländischen Stadt. Pola, mit 12 Jahren die Älteste an Bord, hat das Kommando und schützt die elternlose Rasselbande vor dem Zugriff des Jugendamts, solange ihre Pflegemutter auf der Suche nach ihrer grossen Liebe durch die Weltgeschichte reist. Das umwerfend komische Debüt der niederländischen Journalistin Ilse Bos ist rasant, abenteuerlich und eigentlich für Kinder ab 7 Jahren geschrieben. Aber auch Erwachsene lassen sich von der Geschichte fesseln.

    • Porträt des Schriftstellers Rodaan al-Galidi.

      Bildlegende: Rodaan al-Galidi ist ein in den Niederlanden lebender Schriftsteller irakischer Herkunft. Wikipedia / Vera de Kok

      Der Gedichtband

      «Kühlschranklicht» von Rodaan Al Galidi: «Wie grässlich, die Mauer um mich selbst sein zu müssen.» Die Gedichte von Rodaan al-Galidi, verfasst in einer einfachen, aber sehr eindringlichen Sprache, gehen unter die Haut. Der gebürtige Iraker und inzwischen Träger des EU-Literaturpreises, verbrachte neun Jahre in niederländischen Asylzentren, bevor er die Aufenthaltsbewilligung erhielt. Der feine Gedichtband widerspiegelt seine Gemütslage während dieser langen Wartezeit. Obwohl Wut, Verzweiflung und Fassungslosigkeit aufkommen, gibt es Hoffnung. Und viel Ironie.

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