Das Herz von Pedro Lenz schlägt für Alfonsina

Der Berner Schriftsteller Pedro Lenz gewährt Einblick in sein Herz. Dort hat eine Dame ihren festen Platz: die Schriftstellerin Alfonsina Storni. Die Schweizerin wuchs in Argentinien auf und verbrachte ein ebenso spannendes wie tragisches Leben.

Nahaufnahme des Berner Schriftstellers Pedro Lenz.

Bildlegende: Der Berner Schriftsteller Pedro Lenz: Verehrer von Alfonsina Storni. zvg

Alfonsina, Liebste,

Seele von Dichterin, leuchtender Abendstern im Salzwasser. Mein unruhiges Herz schlägt für dich, hast mich süchtig gemacht, nach deinen Versen, seit ich dein erstes Gedicht gelesen habe. Alfonsina, ich glaube dich gut zu kennen, weil ich dort war, wo du zur Welt kamst, in diesem Tessinerdorf, an das du dich später kaum mehr erinnern konntest oder erinnern wolltest. Und später war ich da, wo du als junge Frau hin geflüchtet bist, schöne Alfonsina. Bin dir nachgereist nach Buenos Aires, in die Stadt derer, die ständig den Verlust einer Heimat mit sich tragen, einer Heimat, an die sie sich gar nicht erinnern wollen oder erinnern können. So wie du, traurige, schöne Alfonsina, die du dich selbst als nackte Seele besangst.

Du schriebst nicht in der Sprache deiner Eltern, die immer vergeblich versucht hatten, in Argentinien ihr Glück zu finden. Du schriebst in der Sprache des Landes, das dich nie ganz aufgenommen hat, euch alle nicht. Deine Sprache war wohl der schönste Gesang, den das Spanische jenseits des Atlantiks jemals hervorgebracht hat. Ich will nicht aufhören, dir zu versichern, wie sehr ich dich liebe und verehre, Alfonsina. Abends liebe ich deinen Gesang, der zuversichtlich ist und dich weiterleben lässt, immer weiter. Am Morgen liebe ich deine Melancholie, die gefährlich, ernst und tief ist.

Du hast mir immer weiter geschrieben, Alfonsina, mir und uns allen. Hast mir geschrieben, dass du lebst, weil du dich bewegst und weil du dich irrst. Und du? Hast du gefragt in jenem Gedicht, in dem du mir vorwirfst, deine Bewegung sei Suche, während mein Stillstehen, mein Versteinertsein, bloss Elend sei.

Alfonsina, mein Herz, du warst ungefähr so alt, wie ich jetzt bin, als du in Mar del Plata ins Wasser gingst, immer weiter hinaus, bis nur noch deine Worte blieben, während dein Körper im unendlichen Meer versank. Du warst müde, Alfonsina, und gabst deinem allerletzten Gedicht den Namen: «Me voy a dormir» – Ich gehe schlafen.

Schlaf gut, Rebellin, Sängerin, Poetin, mein Herz! Schlaf wohl Alfonsina, ich werde wach bleiben, um dich zu lieben.

Siempre tuyo,

Pedro

Alfonsina Storni

Dichterin Alfonsina Storni.

Begabte Lyrikerin mit tragischem Leben: Alfonsina Storni. Wikimedia

Alfonsina Storni war eine argentinische Lyrikerin schweizerischer Herkunft. Sie kam 1892 in der Nähe von Lugano zur Welt und emigrierte vier Jahre später mit ihrer Familie nach Südamerika. Als Schriftstellerin gewann Storni zwei Literaturpreise und gehörte zur argentinischen Avantgarde.

Reihe «Liebesbriefe»

In der Reihe «Liebesbriefe» öffnen Schweizer Künstler ihr Herz und schreiben ihren Vorbildern. Wer liebt wen und warum? Mit Pedro Lenz, Nikola Weisse, Martin R. Dean, Clemens Klopfenstein, Erica Pedretti, Samuel Schwarz, Graziella Contratto, Michael von der Heide, Bettina Oberli, Urs Faes und Ruth Schweikert.