«Literatur ist immer ein Spiel» – Urs Widmer zum 75. Geburtstag

Seit seinem Erstling «Alois» von 1968 schreibt Urs Widmer unermüdlich burleske Prosa, zeitkritische Theaterstücke und packende Hörspiele. Es sind oft fast surreale, auch sehr private Texte, aber sie haben immer den Anspruch, «möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden zu lassen».

Portrait Urs Widmer

Bildlegende: Seine Geschichten sind komisch, phantastisch, phantasievoll, skuril und haben doch immer einen politischen Kern. Keystone

Nur wenige beherrschen das Spiel der Literatur so virtuos wie Urs Widmer. Vielleicht, weil er es so gerne spielt, die Angst vor dem leeren weissen Blatt nicht kennt. Vielleicht auch, weil er mit dem Schreibmaschinengeklapper seines Vaters aufgewachsen ist, dem Romanisten, Gymnasiallehrer und Übersetzer Walter Widmer.

Die Schreibmaschine ist ein Musikinstrument für ihn: «Mein Vater sass den ganzen Tag an der Schreibmaschine und entlockte ihr Geräusche. Das hat mich als Kind ungeheuer fasziniert, und das ist so etwas wie die Urmelodie, die in mir drin steckt.»

Noch heute schreibt Urs Widmer seine Bücher auf der elektrischen Schreibmaschine und tippt jede Seite bis zu zehnmal ab: «Ich beherrsche das Schreibmaschinenschreiben wie ein Pianist.» Zuerst allerdings notiert er seine Texte von Hand in ein Notizbuch, dann, wenn ihm der richtige Zeitpunkt gekommen scheint, die Tür zu einem «Erinnerungsstollen» aufzustossen.

Schreiben als Passion

Urs Widmer wollte nie etwas anderes tun als schreiben. Vielleicht, weil er Schriftsteller kennenlernte, lange, bevor er deren Bücher las – beim Vater gingen Berühmtheiten wie Heinrich Böll ein und aus: «Diese Leute, die so besonders redeten und immer Zigaretten rauchten und viel tranken und lustig waren, gefielen mir. Ich merkte, dass sie irgendwie anders sind als der Apotheker an der Ecke – keine Polemik gegen Apotheker! Erst viel später habe ich ihre Bücher gelesen, und gern gelesen. Ja, und so kommt eins zum anderen…»

Lehrjahre als Lektor

Zuerst allerdings studierte Urs Widmer in Basel, Montpellier und Paris Germanistik, Romanistik und Geschichte, schrieb eine Dissertation über die deutsche Nachkriegsprosa, wurde Lektor, erst beim Otto Walter Verlag in Olten, dann beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main. Bei Suhrkamp blieb er zwar nicht lange, trotzdem war das die Zeit, in der er intensive Bekanntschaft mit dem Literaturbetrieb machte, um dann mit seiner ersten Erzählung «Alois» 1968 ganz eigene Wege zu gehen.

Der Urknall

«Alois» lag damals, 1968, ziemlich quer in der Literaturlandschaft, ein Text, der ganz harmlos anfängt und dann in wilden Purzelbäumen etwa das Appenzellerland mit Walt Disney und Karl May montiert, Sätze, wie man sie im Deutschunterricht eingetrichtert bekommt mit Pop-Sprechblasen, Beschauliches mit roher Gewalt. In seinem neuen Buch, «Reise an den Rand des Universums», einer Autobiografie der Jahre 1938-1968, die im Herbst erscheinen wird, bezeichnet Urs Widmer das Schreiben dieser Erzählung als «Urknall». Es war der erste Text, von dem er dachte, er sei publikationswürdig. Er schickte ihn Daniel Keel, und seither sind gut drei Dutzend Prosatexte Widmers im Diogenes Verlag erschienen.

Immer die gleichen Geschichten

Portrait Urs Widmer

Bildlegende: Widmer hat Zeit, viel Zeit, bis er in den «Erinnerungsstollen» geht und ein Buch zurückbringt Keystone

Urs Widmer gibt unumwunden zu, dass er immer dieselben Geschichten erzählt. Bloss erzählt er sie mit einem Witz und einer Phantasie, welche einem auch das Dunkle in ihnen zugänglich machen – und dieses ist ja bekanntlich vielgestaltig. Ein wichtiges Thema sind Kindheitsängste, ist insbesondere der Krieg. In seinem ersten Bestseller «Der blaue Siphon» von 1992 wird die prägende Erfahrung des Zweiten Weltkriegs noch einmal durchlebt. In einer Art Science-Fiction-Zeitreise lässt Widmer einen Dreijährigen in ein ihm unbekanntes Haus in Zürich Hottingen eintreten und dort auf eine ihm ebenfalls unbekannte Frau mit Tochter treffen, während ein 53jähriger sich im gutbürgerlichen Elternhaus in Basel wiederfindet, wo noch immer der blaue Siphon in der Hausbar funkelt, jener Siphon, von dem das Kind glaubte, er würde von einer Gasbombe gespeist, die, wie andere Bomben auch, Verheerung über die Welt bringen könne.

Welthaltigkeit

In allen Büchern Urs Widmers, so phantastisch sie auch sein mögen, sind politische und gesellschaftliche Verhältnisse immer präsent. Es sind also Geschichten, die Geschichte begreiflich machen, auch in scheinbar so privaten Büchern wie «Der Geliebte der Mutter» von 2000, Widmers bislang grösstem Erfolg, oder im Theaterstück «Top Dogs» von 1996, in dem es, aus heutiger Sicht schon fast prophetisch, um gescheiterte Manager geht – ein Stück, das mit allen grossen Theaterpreisen ausgezeichnet und in den verschiedensten Sprachen über hundert Mal nachgespielt wurde.

Wunderbare Musikalität

Was den Schriftsteller Urs Widmer auch ausmacht, neben dem Schalk, der Fabulierlust und dem untrüglichen Gespür für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge, ist die Musikalität seiner Sprache und seiner Erzähldramaturgie.

Da wird wohl noch immer die «Urmelodie» mitschwingen, die Erinnerung an die kindliche Fasziniertsein vom väterlichen Schreibmaschinengeklapper – zum Glück für uns Leserinnen und Leser!

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