Lob des Vergessens: Ishiguros neuer Roman «Der begrabene Riese»

Seit dem Welterfolg «Alles, was wir geben mussten» vor zehn Jahren hat Booker-Preisträger Kazuo Ishiguro keinen Roman mehr veröffentlicht. Jetzt überrascht der Brite japanischer Abstammung mit einem Fantasy-Epos. Er spielt gekonnt mit vertrauten Motiven – doch bleibt der Fantasy-Stoff ein Vorwand.

Poträt des sehr ernst guckenden Kazuo Ishiguro.

Bildlegende: Ishiguro wurde in Japan geboren und wuchs in England auf. Seinen Durchbruch hatte er mit «Was vom Tage übrigblieb». Reuters

Eine Zeit ohne Geschichte, Britannien am Ende des 5. Jahrhunderts: Nach dem Abzug der Römer haben Bürgerkriege das Land verwüstet. Ein labiler Friede folgt, eine Zeit ohne Aufzeichnungen, ohne Zukunft und Vergangenheit. In diese Vor- und Frühgeschichte des heutigen England stellt Kazuo Ishiguro seine Figuren des neuen Romans «Der begrabene Riese».

Es sind Axl und Beatrice, christliche Bretonen, die ihre angelsächsische Umgebung verlassen. Aussenseiter, unterwegs in einem gefährlichen Land feindlicher Natur: Sümpfe, felsiges Bergland, menschenleere Landschaften. Axl und Beatrice sind auf der Suche nach ihrem Sohn. Aber: Haben sie überhaupt einen Sohn? Unsicher ist die Erinnerung, verblasst das Gedächtnis. Nebelschwaden durchziehen das Land, Nebel, der alles durchdringt, die Sonne verdunkelt und die Erinnerungen zersetzt.

Vertrautes Personal und Motive

In diese historische Leere der «Dark Ages» setzt Ishiguro das vertraute Personal aus der Fantasy-Literatur: den Ritter Gawain aus der Artus-Sage, Mönche, Riesen, Menschenfresser, Schlangen, Höllenhunde und einen Drachen. Vertraut ist das, wie das Motiv der Irrfahrt, der Reise, die immerfort zu gefahrvollen Wendungen Anlass gibt. Vertraut wie das Personal aus «Game of Thrones».

Und doch: Irgendetwas muss passiert sein, in jener Zeit vor dieser Zeit. Was war vor der Gegenwart? Was ist ihr Geheimnis?

Fantasy als Vorwand

Ishiguro, der Booker-Preisträger und Literaturstar, wechselt gern die literarischen Genres. Science-Fiction war es zuletzt in dem verfilmten Roman «Alles, was wir geben mussten» über Menschen, die als Organspender gezüchtet werden. Es gab eine Detektivgeschichte und magischen Realismus. Jetzt also Fantasy. Fantasy als Folie – und als Vorwand.

Denn der Titel des Romans ist eine Metapher. «Der begrabene Riese» ist die Erinnerung selbst. Es ist der letzte Bürgerkrieg, der vor den Irrfahrten war und der all die verlorenen Seelen ohne Gedächtnis zurückliess. Sie sind die Überlebenden.

Vergessen als Notwendigkeit

Ishiguros Fantasy-Roman ist eine politische Parabel. Ein Thesenroman über das Vergessen, das Vergessen als historische Notwendigkeit. Man muss auch vergessen können, um nach einem Genozid weiterzuleben. Das ist der Leitgedanke – und der ist aktuell.

In Ishiguros Roman wird das erst am Ende klar – in seinem Video-Kommentar spricht der Autor es deutlich an. Trotzdem: Im Fantasy-Genre ist dieses Buch eine Fingerübung. Als Gesellschaftsroman reibt es sich an seinem entlegenen, mystischen Stoff. Etwas kokett sagt Ishiguro, dass seine Ehefrau Lorna den ersten Entwurf unlesbar fand. Er habe ihn vernichtet und neu begonnen. Das Ergebnis ist jetzt zu lesen.

Buchhinweis

Ausschnitt des Buchcovers

Kazuo Ishiguro: «Der begrabene Riese». Blessing, 2015.

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