«Männer mit Erfahrung»: Wortkarger Western aus Vermonts Wäldern

Ein Stalker. Zwei Männer und eine Doppellaufflinte mit zwei Patronen. Wer verfolgt wen in diesem modernen Western? Schräge Dialoge, und nicht ein Wort zu viel: Castle Freemans Roman «Männer mit Erfahrung» erinnert an einen Film der Coen-Brüder.

Ein Kirchturm, umgeben von einem Herbstwald, ragt in einen dramatisch bewölkten Himmel.

Bildlegende: Nutzt für seinen Roman die Struktur der antiken Tragödie – und die Schönheit von Vermont: Castle Freeman. Flickr/Patrick Breen

Ist das ein Roman oder ein Drehbuch? Eine Geschichte, die fast nur aus Dialogen besteht und nur einen Tag dauert. Ein Stalker steht im Mittelpunkt, ein ehemaliger Hilfssheriff, der zum Gangster wird und hoch in den Bergen von Vermont ein Versteck gefunden hat.

Mr. Blackway ist sein Name und er ist der grosse Unbekannte dieses punktgenauen Romans. Alle reden über ihn. Alle scheinen ihn zu kennen, alle fürchten ihn. Oder fast alle.

Zweifelhafte Kampfkraft

Lillian ist das Stalking-Opfer. Lillian, die Zugereiste in das kleine Kaff in Neuengland, Lillian, die ihre Katze tot vor der Tür findet und den Sheriff vergeblich um Hilfe bittet. Die findet sie dafür bei den Arbeitern einer früheren Stuhlfabrik und bei Whizzer, dem Ex-Chef, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Lester und Nat werden Lilian begleiten.

Lester, der ehemalige Holzfäller und Nat, der einfach strukturierte Charakter mit dem zu grossen Körper: Sie sind «Männer mit Erfahrung», wenn auch mit zweifelhafter Kampfkraft. Sie nehmen die Spur des Stalkers auf, die den Verfolger bald selbst zum Verfolgten macht. Eine Doppellauf-Schrotflinte mit zwei Patronen im Gepäck, die noch eine Rolle spielen wird, im Showdown am Ende des Tages. Ausgang offen.

«Kurz ist gut»

«Männer mit Erfahrung» ist ein moderner Western, der atmosphärisch an die Filme «Fargo» oder «Twin Peaks» erinnert. Rasant erzählt mit äusserst knappen Dialogen, keine langen Beschreibungen, kaum ein Wort zu viel. «Kurz ist gut», wie Autor Castle Freeman selbst erklärt. Kurz und gut ist das Buch tatsächlich, das im Original «Go With Me» heisst und unter diesem Titel in diesem Jahr in die Kinos kommen soll. Anthony Hopkins spielt dann den Lester.

Geschickt überblendet der Roman zwei Ebenen: Die Spur, die zu den «Lost Towns», den aufgegebenen Siedlungen tief in den Wäldern führt und die Unterhaltungen in der Stuhlfabrik, die das Geschehen laufend kommentieren. Ohne viel Aufhebens nutzt Freeman dabei die Struktur der antiken Tragödie für seinen Roman.

Ein Land am Boden

Schräge Dialoge in der Endlosschleife treiben die Story voran und erzählen wie nebenbei vom Niedergang des Landes. Alles ist Vergangenheit, die Fabrik und die Siedlungen, oder das sogenannte «Fort», das einmal Autowerkstatt war und jetzt Kneipe ist und Bordell. «Schlicht und effizient, eine Stätte der Herstellung und Wartung von Säufern», wie Freeman schreibt.

In Castle Freemans kurzer Geschichte sind auch die grossen Themen versteckt. Es geht um Macht und Kontrolle, um Betrug und Loyalität. Und es geht um Selbstjustiz. Das grosse Western-Thema wird hier in einer abgelegenen, ländlich verkommenen Gegenwart variiert.

«Männer mit Erfahrung» ist ein sehr amerikanisches Buch.

Zum Autor

Ein Mann mit Brille vor einer roten Hauswand.

Jane Lindholm

1944 im US-Bundesstaat Texas geboren, wuchs Castle Freeman in Chicago auf. 1997 erschien sein Erstling «Judgement Hill». «Männer mit Erfahrung» ist der fünfte Roman des Amerikaners, dessen Blick sich gern auf den Niedergang der kleinen Orte in der Provinz richtet. Castle Freeman lebt in Vermont.

Buchhinweis

Castle Freeman: «Männer mit Erfahrung», Verlag Nagel & Kimche, München, 2016.

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