Big Büsiness: Was den gestiefelten Kater zum Unternehmer macht

Er löst locker Probleme, kann gut mit Menschen und ist kreativ: Das macht den gestiefelten Kater zum perfekten Geschäftsmann, sagt der Management- und Märchenforscher Rolf Wunderer. Trotzdem sei es ratsam, ihm auf die Pfoten zu schauen. Denn der Kater setzt alle Kniffe ein, selbst die illegalen.

Eine Katze schläft auf dem Drucker.

Bildlegende: Der gestiefelte Kater wäre ein begnadeter Unternehmer – Kater im echten Leben wohl weniger. Colourbox

Wie würden Sie den gestiefelten Kater charakterisieren?
Rolf Wunderer: Der gestiefelte Kater hat zwei Seelen in seiner Brust. Er ist auf der einen Seite ein höchst loyaler Tierhelfer des erblich benachteiligten Müllerssohnes. Auf der anderen Seite ist er gegenüber der Umwelt ein ganz raffinierter, listiger und auch moralisch nicht so gefestigter Kater, der sich Stiefel anzieht, damit er als Mensch auftreten kann.

Was befähigt den gestiefelten Kater zum Unternehmer?
Er hat alle Eigenschaften, die zu einem Unternehmer gehören. Erstens er hat eine hohe kognitive Kompetenz, nämlich kreative Problemlösungsfähigkeit. Zweitens hat er eine Sozialkompetenz, sowohl freundlich als auch erheblich autoritär. Er weiss genau, wie er zu verschiedenen Personen sprechen muss. Er kann nach unten führen, aber auch bestens nach oben: seinem Chef, dem Müllerssohn, und sogar dem König sagt er, was zu tun ist. Das nennt man «managing the boss». Das dritte ist die Umsetzungskompetenz: Er setzt seine Ziele sofort ausserordentlich klug und nachhaltig um.

Wo sind «gestiefelte Kater» im Geschäftsleben zu finden?
Im Handel gibt es unter Einkäufern viele «gestiefelte Kater». Und die Verkäufer müssen beim König Kunde Wege finden, um ihm das Gefühl zu geben, er habe gewonnen, auch wenn sie erst nach 200 oder 300 Prozent Aufschlag bereit sind, 30 bis 50 Prozent im Ausverkauf nachzulassen. Das verlangt eben der Markt.

Würden Sie Unternehmern raten, Typen wie den gestiefelten Kater zu beschäftigen?
Fachlich unbedingt. Er hat hohe unternehmerische Problemlösungs- und Umsetzungskompetenz, ist vertragstreu und loyal gegenüber seinem Auftrag und Chef. Er kann auch gefährliche, gar unsaubere Konkurrenz gewieft ausschalten und vermag Chefs zu führen. Sind diese Chefs so unfähig wie der Müllerssohn, bringt das nur Vorteile.

Man müsste den «Kater» aber kontrollieren: In der Wirtschaft würde man einen Stiftungsrat einsetzen, der ihm ein Team zur Seite stellt und ihn verantwortungsbewusst führt. Diese Kontrolle fehlt im Märchen – und selbst in manchem Unternehmen.

Spielen moralische Gesichtspunkte bei der Rezeption des Märchens eine Rolle?
Ich habe viele Vorträge über dieses Märchen gehalten. Bei Führungskräften habe ich diese Frage nach der Moral nie gehört. Ich habe aber auch Vorträge bei Erzählerinnen aus Märchengesellschaften gehalten, die haben immer danach gefragt. Manche Mütter haben sogar gesagt: Ich erzähle das meinen Kinder nicht, ich will nicht, dass mein Sohn so wird.

Was kann man aus dem Märchen lernen?
Die Lehre daraus ist, dass Mut, Problemlösungsfähigkeit und Kreativität grundsätzlich belohnt werden. Und dass manchmal im Märchen – wie in der Wirtschaft – auch Fallen gestellt und Listen eingesetzt werden müssen, sonst kommt man nicht ohne Waffen weiter. Und Waffen hat der gestiefelte Kater nur gegenüber Mäusen.

Zur Person

Rolf Wunderer ist Wirtschaftswissenschaftler. Er gründete das Institut für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen. Management und Märchen gehören zu seinen Forschungsgebieten.

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