Was sagen Juristen und Mediziner zu Schneewittchen und Co?

Märchen sind brutaler als jeder «Tatort»: Schneewittchen überlebt drei Anschläge, zwei davon mit Gift. Und Gretel stösst die böse Hexe in den Ofen. Was passiert in den Märchen aus strafrechtlicher, rechtsmedizinischer und pharmakologischer Sicht? Experten kommen zu harschen Urteilen.

    • 1.
      Fall: Der vergiftete Kamm
      Die böse Königin verkauft Schneewittchen einen Kamm mit Gift und kämmte sie damit. «Kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel» – so schreiben es die Brüdern Grimm. Was für ein Gift wirkte da?
      Illustration: Ein Mädchen guckt zu einem Fenster hinaus. Eine alte frau streckt ihr au sinem Korb schmuck entgegen.

      Bildlegende: Schneewittchen sagt zur Alten: «Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen!» Wikimedia/Lothar Meggendorfer

      Apotheker Silvio Ballinari sagt: «Ich kenne kein Gift, das so schnell wirkt, ausser dem Curare, dem südamerikanischen Pfeilgift. Dieses gab es in Europa zur Zeit der Brüder Grimm aber noch nicht. Ich tippe deshalb auf ein schnell wirkendes Schlangengift. Schlangengift wird über die Haut aufgenommen. Käme das Gift mit Magensäure in Kontakt, wäre es unwirksam. Dass ein Wirkstoff über die Haut aufgenommen wird, kennen wir heute von Nikotin- und Hormonpflastern.»

    • 2.
      Fall: Handelt Gretel in Notwehr?
      Als die böse Hexe nachsehen will, ob der Ofen schon genug heiss ist, um Gretel zu braten, schiebt Gretel sie hinein. «Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen», heisst es bei den Brüdern Grimm.
      Illustration: Ein Mädchen stösst eine Hexe in den Ofen.

      Bildlegende: Kaum hat die Hexe die Ofentür geöffnet, schubst sie Gretel mutig in den Ofen. Imago/United Archives

      Für Richter Peter Urech ein klarer Fall: «Gretel tötet die Hexe, um sich und Hänsel zu retten. Indem sie die Hexe in den Ofen schiebt, wehrt sie eine Gefahr ab: von der Hexe gegessen zu werden. Gretel hat kein milderes Mittel, um dieser Gefahr zu begegnen. Der einzige Ausweg ist, die Hexe zu töten. Gretel könnte dafür nicht verurteilt werden.»

    • 3.
      Fall: Schneewittchen verwest nicht
      «Nun lag Schneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe, denn es war noch so weiss wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz» – das stehts bei den Brüdern Grimm. Wie ist das möglich?
      Illustration: Schneewittchen liegt in einem gläsernen Sarg und wird von den sieben Zwergen getragen.

      Bildlegende: «Wir können es nicht in die schwarze Erde versenken», sagten die Zwerge und liessen einen durchsichtigen Sarg machen. Wikimedia/Lothar Meggendorfer

      Ärztin Barbara Beier sagt: «Im luftdicht verschlossenen Glassarg und im kühlen dunklen Wald aufgebahrt, blieb Schneewittchen frisch. Ideale Lagerbedingungen, die verhindern, dass die Leiche verwest. Die roten Bäckchen sind der Phantasie der Illustratoren entsprungen. Wenn Schneewittchen Todesanzeichen gehabt hätte, dann hätten dazu rote Totenflecken gehört. Diese entstehen dort, wo das Blut absinken kann. Also dort wo die Leiche eine feste Unterlage berührt. Schneewittchen lag aber auf dem Rücken.»

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