Max Frisch komplettiert seine Fiche mit amüsanten Fakten

Als einer der bekanntesten linken Intellektuellen der Schweiz wurde Max Frisch vom Staat observiert. Nachdem die Fichenaffäre aufgeflogen war, durfte er seine Akte einsehen. Empört schrieb er einen Kommentar dazu. Dieser ist nun veröffentlicht und bringt den Leser zum Schmunzeln und Nachdenken.

Max Frisch mit einer Pfeife und Brille, Schwarz-Weiss-Bild.

Bildlegende: Eine Fiche dokumentierte fein säuberlich, wie Max Frisch während über 40 Jahren überwacht worden war. Keystone

1990, kurz vor seinem Tod, erhielt Max Frisch Einsicht in seine Fiche. Innerhalb weniger Tage kommentierte und ergänzte er diese mit Schreibmaschine und Bleistift. Nun, mehr als 20 Jahre später, wurde der Kommentar unter dem Titel «Ignoranz als Staatsschutz?» veröffentlicht.

«Der Text ist gerade jetzt unerhört brisant, da das Parlament den Nachrichtendienst des Bundes mit speziellen Befugnissen ausgestattet hat, was die Überwachung der Bevölkerung anbelangt», sagt Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler und Präsident der Max-Frisch-Stiftung.

Eine Seite aus der Fiche von Max Frisch: schwarz-weisse Schreibmaschinenschrift, manche Wörter durchgestrichen.

Bildlegende: So sieht's aus, wenn Frisch seine Fiche bearbeitet (aus: «Ignoranz als Staatsschutz?»). Max-Frisch-Archiv, Zürich

Doppelt empört über die Fiche

Neben Max Frisch standen zahlreiche weitere Personen unter Verdacht der Bundespolizei – vom Gewerkschafter bis zur politisch aktiven Studentin. Rund eine Million Karteikarten – sogenannte Fichen – legte die Bundespolizei zwischen 1900 und 1990 an.

Max Frisch war wegen seiner linken Gesinnung im Fadenkreuz. 1986 rief er öffentlich zum Widerstand auf: «Wir müssen Widerstand leisten – gegen Rechtsstaatlichkeiten als Kniff; ich meine Widerstand auf allen Etagen dieser profitmanischen Gesellschaft.» Zu jenem Zeitpunkt wusste Max Frisch noch nichts von seiner Fiche.

Als er später Einsicht in seine Akte bekam, reagierte er mit Empörung – in einem doppelten Sinne: «Er war empört, dass man sich so für ihn interessierte, und er war empört, dass man ihn und seine literarischen Texte kaum kannte», sagt Thomas Strässle.

Kontakt zu Bertolt Brecht und ein Merlot-Liebhaber

Max Frisch sah sich deshalb veranlasst, seine eigene Fiche zu komplettieren. Er ergänzte, was die Beamten in seinen Augen vergessen hatten. Damit bediente er sich der gleichen Technik wie die vemeintlichen Staatsschützer. «Der Text hat keine fiktionalen Elemente; es ist eine Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Autobiografie», sagt Strässler, «aber nicht auf der Ebene eines literarischen Diskurses, sondern auf der Ebene eines nachrichtendienstlichen Diskurses.» Max Frisch repliziere, was die Fiche selbst vorgibt.

So fügt er unter anderem hinzu, dass er Kontakt zu Bertolt Brecht hatte, sein Masseur Italiener war oder dass er abends gerne Merlot trank. Nicht wirklich erhellend, aber unterhaltsam. Gewinnt man durch die Fiche über den Schweizer Schriftsteller neue Erkenntnisse? «Über Max Frischs Biografie erfährt man wenig Neues», sagt Thomas Strässle, «aber man erfährt, was ihn anrüchig gemacht hat und wie er auf diese Informationen reagierte.» Als anrüchig galt bereits der Umstand, dass der sowjetische Botschafter einen Flug für Frisch nach Moskau buchte.

«Ignoranz als Staatsschutz?» ist vor allem als historisches Zeitdokument interessant; auch als Zeuge der Technikgeschichte. Denn am Beispiel von Max Frisch lässt sich der Wahnsinn analoger Staatsüberwachung trefflich nachvollziehen. Unvorstellbar, wie sich eine solche Überwachung heute, im digitalen Zeitalter, ausnehmen würde.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 7.10.2015, 08:20 Uhr.

Buchhinweis

Max Frisch: «Ignoranz als Staatsschutz?», Suhrkamp, 2015.