Meister zwischen den Zeilen

Die Auszeichnung des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers überrascht: Nicht politisch engagiertes Schreiben, sondern literarische Qualität gab den Ausschlag. Gewinner Patrick Modiano ist einer der grossen Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur.

Porträt Patrick Modiano

Bildlegende: Er liebt das Melancholische, Nebulöse, Unterschwellige: Patrick Modiano, Gewinner des Literatur-Nobelpreises 2014. Olivier Roller

Patrick Modiano ist kein Unbekannter. Als französischer Autor hat er so ziemlich alle bedeutenden Preise von Rang und Namen erhalten: 1972 den Grand Prix du Roman der Académie, 1976 den Prix des Libraires, 1978 den Prix Goncourt, 2000 den Grand Prix de Littérature Paul Morand de l’Académie Française, 2012 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur – und jetzt 2014 den Nobelpreis.

Patrick Modiano lebt und schreibt in Paris. 1945 wurde er in Boulogne-Billancourt in eine jüdische Familie geboren. Die Mutter war eine belgische Schauspielerin, der Vater ein Jude orientalischer Herkunft. Schon als junger Mann hat sich Patrick Modiano gänzlich dem Schreiben verschrieben. Mit 21 Jahren wurde er über Nacht mit seinem Debütroman «La Place de l’Étoile» bekannt. Eine Parodie auf den Antisemitismus, die für grosses Aufsehen sorgte.

Sein Debüt wurde erst vor Kurzem ins Deutsche übersetzt

Darin wird die Geschichte um einen jüdischen Antisemiten erzählt, der in Paris als Nazispitzel und Mädchenhändler agiert. 2010 ist dieser Roman erstmals in deutscher Sprache erschienen. Wohl mit ein Grund, warum Modiano im deutschsprachigen Raum noch immer wenig bekannt ist.

Vermutlich hat der Auftakt dazu gefehlt. Und das, obwohl seine nachfolgenden Romane alle zügig ins Deutsche übersetzt wurden. Doch dies wird nun der Nobelpreis richten.

Eine Sprache, die einlullt

Patrick Modiano ist ein grandioser Erzähler. Seine Romane sind von einer düsteren Melancholie. Sie bestechen durch eine schwebende Sprache. Eine Sprache, die einlullt, die in eine Welt der Wörter und Klänge entführt. Es spielt weniger eine Rolle, über was Patrick Modiano schreibt, sondern wie er schreibt.

Modianos Bücher sind oftmals autobiografisch gefärbt: Er legt persönliche Spuren, die er gleich wieder verwischt. So bleibt nicht nur die Sprache schwebend, sondern auch, was uns Patrick Modiano zwischen den Zeilen über seine Biografie verraten will. Das Melancholische, das Nebulöse, das Diffuse und Unterschwellige, das Motiv des Verschwindens zieht sich durch seine Prosa, ist gleichsam sein Markenzeichen.

Der verschwundene Vater ist ein wiederkehrendes Motiv

Die Handlung seiner Romane ist meistens in den 1940er- und 1960er-Jahren in Paris angesiedelt. Die Besatzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland und die Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen spielen in seinem Schaffen eine bedeutsame Rolle.

Der Grund dafür liegt sicherlich darin, dass sein jüdischer Vater sich damals in Paris unter falschem Namen vor den Nazis verstecken musste. Und dass sein Vater, als Modiano im Teenager-Alter war, tatsächlich von der Bildfläche verschwunden ist. Untergetaucht. Ein Erlebnis, das Modiano immer wieder in seinen Romanen durchspielt.

Die Melancholie – ein roter Faden

«L’horizon» ist Partrick Modianos jüngster Roman. Auf Deutsch erschien er 2013 unter dem Titel «Der Horizont». Darin wird die Geschichte eines jungen Liebespaares in den 60er-Jahren in Paris erzählt, das sich aus den Augen verliert. 40 Jahre später geht der Ich-Erzähler auf Spurensuche.

«L’horizon» ist ein Erinnerungsbuch, leicht düster-melancholisch, das vieles in der Schwebe lässt – so, wie man das von Patrick Modiano kennt. Ein roter Faden seines Werkes, der sich nicht verliert.

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