Melvilles «Moby Dick»: «Diese Sprache ist absolut atemberaubend»

Für Christian Brückner, bekannt als Synchronstimme von Robert de Niro, war es ein Herzensprojekt, Melvilles «Moby Dick» vorzulesen. Mit der Übersetzung von Friedhelm Rathjen fand er die passende Vorlage: Die Sprache ist so rau wie das Meer, auf dem Käpt’n Ahab jahrelang einen riesigen Pottwal jagt.

Flosse eines Pottwals

Bildlegende: «Moby Dick» ist viel mehr als die einfache Geschichte einer Waljagd – der Roman ist ein existenzielles Drama. Imago/OceanPhoto

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit «Moby Dick»?

Christian Brückner: Das war die Begegnung mit dem Kinderbuch «Moby Dick». Eine der unendlich vielen stark gekürzten Fassungen. Aber dieses Kinderbuch hat mich neugierig zurückgelassen. So frühe Begegnungen behalten etwas Unerledigtes. Oft begegnet man dann diesen Dingen später im Leben noch einmal. So war’s auch bei «Moby Dick».

«Moby Dick» als Roman, das sind 1000 Seiten. Üppig, barock geradezu in Form und Inhalt. Ist das der Stoff und die Sprache von der ein Sprecher und Vorleser träumt?

Ich glaube letzten Endes ja! Einfach weil man in dieser Sprache richtiggehend spazieren gehen kann. Man kann sich auch verlieren. Aber man verirrt sich darin nur scheinbar, denn Melville kommt ja dann doch immer wieder, wenn auch zuweilen spät, auf den Punkt.

Lassen sie mich ein wenig gemein sein. «Moby Dick» in zwei Sätzen: Mann jagt Wal. Der Wal gewinnt …

Na ja, mit dieser Schlichtheit wird man dem Roman natürlich nicht gerecht. Mann jagt Wal – ich meine der Mann, also Käpt’n Ahab, setzt sich ja mit der Welt auseinander, mit der Ungerechtigkeit. Er kommt nicht klar, mit dem was ihm geschehen ist, mit seinem Schicksal.

Es ist ja nicht primär das Tier, dem er nachstellt, sondern Ahab reisst den Himmel ein. Um zu seinem Recht zu kommen, macht es ihm nichts aus gewissermassen die Welt zu zerstören, sprich, seine Mannschaft, das Schiff, seine Existenz als Walfänger, alles. Ahab ist eine ganz archaische, ja atavistische Figur. Im Prinzip ist «Moby Dick» ein existentielles Drama.

Die Sprache, die Herman Melville benutzt ist ebenfalls üppig, verspielt und unterm Strich äusserst modern: Vom Slang eines Kneipenwirts aus Bedford bis zur hochgelehrten naturwissenschaftlichen Abhandlung über das Walskelett wird alles stilsicher durchdekliniert.

Das ist absolut atemberaubend! Immer wieder ist es ja so, als würde man ganz vielen Geschichten beiwohnen. Über den Walfang, über die Techniken des Tötens und des Abspeckens, über die Mythologie des Wals. Man befindet sich über lange Strecken in einer ganz anderen Gegend. Aber gerade das trägt dazu bei, dass die Spannung insgesamt gesteigert wird.

Wie bereiten Sie sich auf so ein tausendseitiges Vorleseabenteuer vor?

Mit unendlicher Zeit, mit viel Ruhe. Mit immer wieder neuen Ansätzen beim Lesen. So ein Werk ist wie eine Reise. Das Geheimnis des Gelingens besteht wohl in der Mischung aus maximaler Vorbereitung und bedingungslosem Einlassen auf das Unbekannte.

Ein Wort noch zur Übersetzung von Friedhelm Rathjen: bisher waren «Moby Dick»-Übersetzungen eher Nachdichtungen. Wie erleben sie die Sprache, die Rathjen gefunden hat und die sich erstmals ganz eng am Original bewegt?

Als kantig, als rau und knorrig. Melvilles Sprache ist ja der Physis des Käpt’n Ahab auf den Leib geschnitten und Rathjens Übersetzung passt perfekt zu diesem zweifelnden, verzweifelnden, unangepasstem Menschen. Melville hat aber darüber hinaus so unendlich viele Dimensionen in seine Sprache eingeschrieben. Und Rathjen hat das genauso so ins Deutsch hinüber getragen. Allein schon diese Sprache zu lesen oder zu hören, ist ein Erlebnis für sich.

«Moby Dick» war ein Herzensprojekt von Ihnen. Gibt‘s noch ein anderes?

Ich will natürlich den «Don Quichote» machen!

Cervantes' «Don Quichote»? Der ist ja bei Licht besehen gar nicht so weit weg von Käpt’n Ahab…

Ja, Don Quichote ist Ahab insofern verwandt, als dass er ein Mensch ist, der mit sich und der Welt ringt. Oder wie Conrad Ferdinand Meyer es in anderem Zusammenhang beschreibt: «Ein Mensch mit seinem Widerspruch». Das sind Figuren, die mich interessieren.

Eine ganz andere Frage. Sie werden immer wieder mit der Synchronstimme von Robert de Niro zusammengebracht… ist das manchmal auch eine Belastung?

Nicht mehr. Das war’s vielleicht mal eine Zeitlang. Aber ich muss es den Leuten überlassen, wohin ihre Fantasie sie trägt, wenn sie meine Stimme hören. Ich habe mit de Niro insofern abgeschlossen, als dass er mir in den 40 Jahren, die ich ihn jetzt schon synchronisiere zur einer Art zweiten Natur geworden ist, die mich aber nicht mehr länger beschäftigt. Ausser eben im Studio, wenn ich ihm meine Stimme leihe. Aber er ist für mich keine Aufgabe mehr. Er hat zwar mir eine seltsame Popularität gebracht, die aber interessiert mich selbst eigentlich gar nicht.

«HörPunkt-Lesung»: Moby Dick

Am 2. Januar 2015 von 9 bis 23.30 Uhr ist «Moby Dick», gelesen von Christian Brückner, zu hören auf Radio SRF 2 Kultur.

Christian Brückner

Christian Brückner mit grauem Bart und Hand am Kopf sitzt vor einem Mikrofon.

Matthias Scheuer

Christian Brückner ist die bekannteste deutsche Synchronstimme. Er verleiht seine raue, klangvolle Stimme unter anderem Robert de Niro. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Waltraut betreibt er seit dem Jahr 2000 seinen eigenen Hörbuchverlag Parlando, der 2005 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde.