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Literatur Meuterei auf der Bounty: Der Tyrann, der keiner war

Vor 225 Jahren ereignete sich die berühmte Meuterei auf der Bounty. Mehrere Filme und Bücher sind den legendenumwobenen Vorgängen im April 1789 gewidmet. Sie verzerren jedoch die historische Wahrheit sträflich, wie ein neues Sachbuch darlegt.

Ein Gemälde von Robert Dodd aus dem Jahr 1790 zeigt die Meuterei auf der Bounty.
Legende: Verdrehte Tatsachen: William Bligh war in Wirklichkeit gar kein Tyrann. (Gemälde: Robert Dodd, 1790) Wikimedia / National Maritime Museum, London

Völlig neu sind die Erkenntnisse nicht, die der deutsche Marinehistoriker Jann M. Witt in seinem Buch «Die Bounty war sein Schicksal» vorlegt. Bereits die ältere Fachliteratur hat die bis heute noch immer vorherrschende Vorstellung relativiert, wonach sich auf dem britischen Segelschiff Bounty rechtschaffene Seeleute um den Offizier Fletcher Christian gegen den tyrannischen Kapitän William Bligh aufgelehnt hätten.

Witts Verdienst ist es jedoch, dass er erstmals systematisch mit der verzerrten Darstellung der damaligen Vorgänge aufräumt. Das bisherige Bild der Meuterei beruht insbesondere auf dem berühmten Film «Meuterei auf der Bounty» von 1962 mit Trevor Howard als William Bligh und Marlon Brando als Fletcher Christian. Der Film zeichnet Bligh als brutalen Menschenschinder und Fletcher Christian als aufrechten Helden.

Der Aufstand im Paradies

Witt zeichnet aufgrund der historischen Quellen minutiös die Vorgänge nach, die sich auf dem britischen Segelschiff abspielten. Der Historiker stützt sich dabei auf das Logbuch der Bounty und die Aufzeichnungen verschiedener Protagonisten.

Die Bounty sollte Schösslinge des Brotfruchtbaums von Tahiti nach Westindien transportieren. Aufgrund ungünstiger äusserer Bedingungen lag die Bounty mehrere Monate vor Tahiti fest. Die Disziplin der Besatzung lockerte sich, die Seeleute vergnügten sich in der paradiesisch anmutenden Atmosphäre mit einheimischen Frauen.

Als William Bligh schliesslich den Befehl zur Weiterreise gab, missfiel vielen Seeleuten die plötzliche Unterordnung unter das strikte Regiment des Kapitäns. Am 28. April 1789 – die Bounty war bereits wieder auf hoher See – brach an Bord die Meuterei aus.

Die Meuterer um den Offizier Fletcher Christian bemächtigten sich des Schiffs und setzten William Bligh mit ein paar Getreuen mitten auf dem Ozean auf einem Beiboot aus. Die Bounty segelte danach in Richtung Südosten, wo sich ein Teil der Meuterer schliesslich auf der bis anhin unbekannten Insel Pitcairn niederliess.

Die Mär vom Menschenschinder

Die aufgrund zahlreicher Filme und Bücher weit verbreitete Vorstellung der Meuterei erweist sich bei der Lektüre von Witts Untersuchung als offenkundig einseitig: William Bligh war nicht der skrupellose Menschenschinder, als der er dargestellt wurde. Ebenso wenig war Fletcher Christian ein edelmütiger, romantischer Held. Witt legt einleuchtend dar, dass Bligh zwar ein zum Jähzorn neigender Eigenbrötler gewesen sei, sicher aber kein brutaler Tyrann.

Flechter Christian wiederum schildert Witt als labilen Mann, dem es an Verantwortungsgefühl und an Selbstdisziplin mangelte. Er habe die Meuterei und damit viel Leid verursacht, weil er sich durch Blighs wenig zimperlichen Führungsstil in der persönlichen Ehre gekränkt gefühlt habe.

Vertauschte Rollen

Witts Fazit: Der wahre Held der Meuterei auf der Bounty sei nicht Fletcher Christian gewesen, sondern dessen Gegenspieler William Bligh. Dies vor allem aufgrund der Leistung, die jener erbrachte, nachdem er mit 18 Besatzungsmitgliedern ausgesetzt worden war.

Bligh gelang es, auf dem kleinen Beiboot über 3600 Seemeilen bis nach Timor zu segeln und damit sein Leben und dasjenige seiner kleinen Mannschaft zu retten. Bereits die zeitgenössische britische Presse bezeichnete dies als «ein beispielloses Unterfangen jenseits aller Wahrscheinlichkeit».

Literaturhinweis

Witt, Jann M: «Die Bounty war sein Schicksal. Das abenteuerliche Leben des William Bligh», Primus Verlag, 2014.

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