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Literatur Michel Houellebecq überrascht mit einem Lyrikband

Seit der französische Starautor Michel Houellebecq für seinen Roman «Karte und Gebiet» 2010 den Prix Goncourt gewann, hat er nichts mehr veröffentlicht. Jetzt macht er mit Gedichten auf sich aufmerksam: «Gestalt des letzten Ufers».

Der Autor Michel Houellebecq im Porträt
Legende: «Gestalt des letzten Ufers» ist Michel Houellebecqs neuestes Werk. Keystone

Er rauche zu viel, daher fehle der Atem für längere Verse, sagt Michel Houellebecq. Dafür sind seine neuen Gedichte in «Gestalt des letzten Ufers» gereimt und schlicht. Vorzugsweise als Paar oder über Kreuz. Die Alexandriner reihen sich überraschend leichthändig, «pur» reimt sich auf «obscur», «secondes» auf «monde».

Nach seinen berühmten und verfilmten Romanen «Ausweitung der Kampfzone» oder «Elementarteilchen» ist der Franzose Michel Houellebecq zu seinen Anfängen zurückgekehrt. Mit Gedichten hat er begonnen, Gedichte schreibt er auch jetzt.

Skandalfreie Reime

«Es braucht ein paar Sekunden / um eine Welt auszulöschen» – so geht es los. Der Auftakt «Die graue Fläche» gibt den Ton vor und die Perspektive, die man genauso aus seinen Romanen kennt. Es ist dieser mal nüchterne, mal aufgedrehte Sound der Provokation und der Proklamation, der grossen Geste und der kleinen Verhältnisse, die man bei ihm erwartet. Rebellion und Trauer waren immer in Houellebecqs Büchern. Antiliberal, antiislamisch, sexistisch, es war alles dabei.

War das immer ernst gemeint, oder alles Pose? Unklar ist es bis heute, und Houellebecq hat viel dafür getan, dass es so blieb. Die Gedichte verzichten auf den Skandal, auch das ist eine Überraschung. Aber die Trauer blieb. Die Tristesse ist jetzt überall: «Wir bewohnen die Leere», notiert er, «die Trauer erobert die Ebene». «Das ist die B-Seite des Daseins / Ohne Genuss und wirkliches Leiden.»

Slapstick-Szenen

Notorisch düster ist die Linse, durch die Houellebecq auf die Welt blickt. In den Gedichten wie in den Interviews, die er aus ihrem Anlass gab. Und in den Fotos aus letzter Zeit: zerrüttete Züge, ausgezehrtes Gesicht, schüttere Haare. «Wo bin ich? / Wer sind Sie? / Was tue ich hier?», fragt Houellebecq im Gedicht «Abschottung».

Es gibt keine Antworten, aber die Erschütterung ist spürbar. Und die Ratlosigkeit, die viele Szenen bestimmt. Komödie wird da wenig gespielt, wie dort, wo ein Alligator in Florida drei österreichische Touristinnen gefressen hatte und Houllebecq daraus eine Slapstick-Szene formt. Hier wird etwas von Buster Keaton spürbar, der dem Rollenmodell des Dichters verwandt ist.

Ist das gelungen? Einfach ist es jedenfalls nicht. Houellebecqs Alexandriner sind die schöne Klammer für Horror und Slapstick. Sie stellen die Tradition, die mit Szenen des modernen Lebens gefüllt wird. Und mit Anspielungen auf literarische Vorbilder, wie Mallarmé und Baudelaire. Mallarmés berühmter «Würfelwurf» ist da und der Anfang von T.S. Eliots «The Waste Land».

Der Rebell ist müde

Michel Houellebecq ist auch ein grosser Stilist. Das wird gern übersehen. Aber dass das Einfache nicht einfach ist und das Schwere einfach klingen soll, kann man auch bei ihm lesen. Übersetzt sind die Gedichte allerdings in Prosa, denn die Wirkung der französischen Reime lässt sich nicht ins Deutsche übertragen. Sie handeln von Sex und Tod, vom Verschwinden und der Abwesenheit, von der Leere und der Langeweile. Nur selten gibt Houellebecq noch den Menschenfeind. Fast wie ein Selbstzitat wirkt es, wenn er junge Frauen mal als «Glücksversprechen auf zwei Beinen / Voller Stolz auf ihre jungen Organe» bezeichnet.

Der Rebell der Romane ist müde, man spürt es. Er ist mit sich selbst beschäftigt, mit «Existieren, erkennen», wie es heisst und den Versen am Schluss: «Tannen sind für Schlangen da / Und Autobahnen für den Menschen. / Die Welt ist flach, endlos; / Ein Schwarm Kormorane steigt auf.» Das genügt.

Buchhinweis

Michel Houellebecq: «Gestalt des letzten Ufers». DuMont, 2014.

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