Mo Yan und Port Harcourt ganz im Zeichen der Literatur

Der umstrittene chinesische Literaturnobelpreisträger Mo Yan und die nigerianische Stadt Port Harcourt, «Welthauptstadt des Buches 2014», sind die Themen unseres Blicks in die Feuilletons.

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan hält in nachdenklicher Pose den Finger an seinen Mund.

Bildlegende: Durch seine Regimetreue umstritten: der chinesische Schriftsteller Mo Yan. Keystone

Im Wochenmagazin «Der Spiegel» gibt der umstrittene chinesische Literaturnobelpreisträger Mo Yan ein Interview. Das ist ungewöhnlich, denn
Mo Yan spricht selten in der Öffentlichkeit. Anfragen für grössere Interviews lehnte er stets ab.

Selbstkritik von Mo Yan

Nun gibt er dem Spiegel-Magazin die Ehre. Dabei übt der Schriftsteller, der als regimetreu gilt und die Zensur als notwendiges Übel bezeichnet, Selbstkritik. Anlass ist sein heute auf Deutsch erscheinendes Buch «Frösche». Mo Yan bezeichnet den Roman als «Buch der Selbstkritik». Er sagt: «China hat in den vergangenen Jahrzehnten so tiefe Umbrüche erfahren, dass sich fast alle von uns als Opfer empfinden. Kaum jemand aber fragt sich, ob er nicht selber Täter wurde, ob er nicht verletzt hat. Dieser Frage, dieser Denkmöglichkeit geht 'Frösche' nach.»

Die chinesische Ein-Kind-Politik

«Frösche» beschreibt die Folgen der Ein-Kind-Politik in China. Es ist die Lebensgeschichte einer Tante von Mo Yan, die als parteitreue Frauenärztin gearbeitet hat und die von ihren Taten verfolgt wird. 10 Jahre lang hat Mo Yan daran gearbeitet. Dabei treibt ihn wohl auch seine eigene Schuld um: «Ich habe um meiner eigenen Zukunft willen, meine Frau zu einer Abtreibung gedrängt. Ich bin schuldig», bekennt er im Interview mit dem «Spiegel».

«Welthauptstadt des Buches 2014»:  Port Harcourt in Nigeria

Politische Konflikte und Kriminalität gehören zum Alltag im Olfördergebiet im Süden Nigerias, wo die Stadt Port Harcourt liegt. Port Harcourt ist das Zentrum der nigerianischen Ölindustrie. Die Stadt ist gezeichnet von ungeplantem Wachstum, von Urbanisierung und Verslumung.

Hier eine Weltstadt des Buchs auszurufen, hat höchst unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen: Begeisterung, Überraschung und Stirnrunzeln. «Ist es sinnvoll – und überhaupt möglich – einen solchen Ort zur 'Welthauptstadt des Buches' auszurufen?» fragt heute die «NZZ» und kommt zum Schluss: ja, es ist.

«Überzeugendes Konzept»

Port Harcourt habe ein überzeugendes Konzept vorgelegt, das einen positiven Einfluss auf die Lesekultur haben dürfte, schrieb der Frankfurter Buchbranchen-Experte Holger Ehling in der «NZZ»: «Es soll eine grosse neue Bibliothek entstehen, eine Residenz für Schriftsteller, nationale Symposien sind geplant, Schreibwettbewerbe und vieles andere.»


Mo Yan und Port Harcourt

3:03 min, aus Blick ins Feuilleton vom 25.02.2013

Ist es also sinnvoll? Holger Ehling: «Das Programm kann helfen. Natürlich ist keine unmittelbare Verbesserung der Lage zu erwarten, doch möglicherweise kann dank solchen Initiativen übermorgen die Not etwas geringer sein, weil sie zumindest einen Anschub bedeuten: für die Literatur und das Lesen. Für Bücher und für die Bildung. Für Verlage und für Autoren.»