Musik als Krücke, als Kraftquelle – und als Betäubungsmittel?

In Anna Enquists Romanen spielt Musik häufig eine zentrale Rolle. So auch in ihrem jüngsten Werk «Streichquartett». Vier Menschen, vom Leben arg durchgeschüttelt, holen sich beim gemeinsamen Musizieren im Ensemble Kraft. Bis der brutale Alltag sie ausgerechnet bei den Proben wieder einholt.

Anna Enquist hat einen Pagenschnitt. Sie schaut etwas düster.

Bildlegende: In ihren Roman ergründet sie die Seelenlandschaften der Menschen: Anna Enquist. Imago / Leemage

Hugo, die erste Geige, bangt um seinen Job; Heleen, die zweite Geige, zeigt Mühe mit dem Älterwerden und das Ehepaar Jochen und Carolien – er Bratsche, sie Cello – haben ihre beiden Söhne verloren; auf einem Schulausflug verunfallte der Bus mit den Kindern an Bord.

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Anna Enquist zu ihrem 1. Satz in «Streichquartett»

1:06 min, vom 26.10.2015

Musik als Kraftquelle – oder Betäubung

Zum Glück gibt es das Quartett, sagt Jochen an einer Stelle, «wir spielten Mozart d-Moll. Das half.» Und Carolien bestätigt: «Ja, das habe ich auch so empfunden. Wir verstanden uns alle vier, ohne dass wir etwas zu sagen brauchten. Ich fühlte mich aufgenommen, gehalten, gestützt.»

Musik als Krücke, als Kraftquelle, als Trost. Manchmal kommen den beiden allerdings auch Zweifel: Ist das Spielen vielleicht nicht sogar eine Art Morphium? «So ist es doch, denkt er trotzig, wir tun das doch, um uns zu betäuben und uns gegen alles, was im Argen liegt, abzukapseln?»

Regelmässig, am Donnerstagabend, treffen sich die vier Amateurmusikerinnen und -musiker auf dem Hausboot von Hugo zu den Proben. Dieses Refugium auf dem Wasser ist auch symbolisch eine Insel: Sie ermöglicht eine befristete Auszeit mit Mozart, Haydn oder Bach.

Autobiografische Bezüge

Anna Enquist weiss, wovon sie schreibt: Sie hat sich ursprünglich zur Konzertpianistin ausbilden lassen. Und diese Professionalität ist spürbar; nicht zum ersten Mal nimmt in ihren Romanen die Musik eine wichtige Rolle ein.

Sie weiss aus eigener Erfahrung, wie überlebenswichtig das Spielen sein kann. Sie hat selbst ein Kind bei einem Verkehrsunfall verloren und sich anschliessend ins Einstudieren von Bachs Goldberg-Variationen gestürzt. Und dabei gespürt, dass ihr die Musik eine Brücke zu ihrer Tochter sein kann. Vor diesem autobiografischen Hintergrund entstand dann auch 2008 ihr vielgelobter Roman «Kontrapunkt».

Ein Verbrecher geht um

Zurück zum aktuellen Buch «Streichquartett»: Geschickt wechselt Anna Enquist in jedem Kapitel die Perspektive, lässt mal Heleen, dann wieder Jochen, Carolien oder Hugo erzählen. Und diese Technik hilft, beim Lesen immer näher an die Charaktere heranzukommen.

Wir erfahren, dass sich Heleen in der Betreuung von Strafgefangenen engagiert; regelmässig schreibt sie Briefe ins Gefängnis. Und so ahnen wir – lange vor den anderen Ensemblemitgliedern –, dass dieses Hobby schlimme Konsequenzen haben wird.

In Amsterdam ist nämlich ein Schwerverbrecher ausgebrochen – und sucht ausgerechnet Zuflucht auf Hugos Hausboot; Heleen hatte ihm detailliert von ihren Donnerstagsproben erzählt. Und so wird diese idyllische Insel für das Streichquartett plötzlich zur lebensbedrohlichen Falle.

Nah an den Seelenlandschaften

Anna Enquist ist eine Meisterin im Wechsel von Tempi und Stimmungen; und fast immer nehmen ihre Geschichten gegen Ende eine dramatische Wendung. Dabei hilft ihr bestimmt das zweite Studium, das sie abgeschlossen hat: Psychologie. Sie kennt die Seelenlandschaften der Menschen und weiss um die gefährlichen Abgründe. Von diesem Knowhow können wir Leserinnen und Leser ihrer Bücher nur profitieren.

Buchhinweis

Anna Enquist: «Streichquartett». Luchterhand, 2015.

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