Musikforscher und Bioterrorist

Im Roman «Orfeo» von Richard Powers will ein Komponist die musikalische Struktur der DNA erforschen. In der Folge wird er als Bioterrorist verfolgt, ein Roadmovie durch die USA beginnt.

Rote und grüne Lichtschlangen in Form einer Doppelhelix

Bildlegende: Die musikalische Struktur von DNA: In «Orfeo» geht es um Musik und Genetik. Flickr/Kevin Dooley

Es ist ein Zufall, der die Polizei ins Haus bringt. Der Hund stirbt und Peter Els wählt die Notrufnummer. Die Polizei kommt, findet sich nicht zuständig, bemerkt aber im Arbeitszimmer die Petrischalen, die Peter Els für seine musikalisch-biochemischen Experimente braucht. Els ist Komponist, doch als die Polizei am nächsten Tag wiederkommt, ist das Haus mit Klebeband abgesperrt und Els ein Verdächtiger.

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«Orfeo» von Richard Powers (S. Fischer)

15 min, aus Literaturclub vom 21.10.2014

Bioartist wird Bioterrorist

So ist es tatsächlich passiert. Vor zehn Jahren, als der Bioartist Stephen Kurtz die 9-1-1 wählte, den Notruf – und die Homeland Security kam. Es dauerte Jahre, um den Verdacht zu entkräften, Kurtz sei ein Bioterrorist.

Richard Powers spielt diesen Fall nach, im furiosen Beginn seines neuen Roman «Orfeo». Der Amerikaner ist der kühle Konstrukteur der American Novel, mit einem ausgeprägten Hang zur Wissenschaft und zur musikalischen Exkursion. Peter Els fährt einfach am Haus vorbei, als er die Ermittler im Garten sieht, fährt weiter quer durch die USA von Pennsylvania bis nach Arizona. Jetzt ist er der Bioterrorist «Bach».

Musik und Genetik

Flucht, Verfolgung, Verfolgungswahn. Das ist die Rahmenhandlung in «Orfeo». Aber der Roman ist kein Polit-Thriller, sondern ein Buch über Musik, über die Lebensgeschichte eines Komponisten und die Lebensgeschichte der modernen Musik von Gustav Mahler bis Steve Reich.

Wieder ein Buch über Musik von Richard Powers, denn das ist es, was diesen Autor wirklich interessiert. In «Der Klang der Zeit» wurde aus dem Ineinander von Oper und Bürgerrechtsbewegung ein Bestseller – John Dowland und Revolte. Jetzt kommen E-Musik und Genetik zueinander. Das geht nicht ohne Zwang und ist bedingt plausibel, wenn man Powers' spezielle Vorlieben nicht wirklich teilt.

Melodien aus DNA

Alles ist Sound für Peter Els. Von den Wolken am Himmel bis zur Blutzirkulation im eigenen Körper und Powers betreibt einigen Aufwand darin, dies deutlich zu machen. Melodien aus DNA, das ist der Spleen. Els verliert alles darin, Frau und Familie, Karriere und Freiheit. Sein Scheitern ist auch das Scheitern der musikalischen Avantgarde und die Ernüchterung, die folgt. Am Ende findet er fast eine Art Gefallen an seiner medialen Rolle als Bioterrorist.

Richard Powers hat Physik und Literatur studiert, als Informatiker gearbeitet und sein Genom entschlüsseln lassen, als neunter Mensch weltweit, wie er berichtet. Powers ist ein Fan der Musik, von Olivier Messiaen bis Radiohead. Er ist ein Fan wie Peter Els.

Buchhinweis

Richard Powers: «Orfeo». S. Fischer Verlag, 2014.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Orfeo» von Richard Powers (S. Fischer)

    Aus Literaturclub vom 21.10.2014

    Peter Els ist Professor für Musik an der Ostküste der USA – und er ist unter Verdacht. Er will die musikalische Struktur erforschen und mit Molekülen komponieren. Als der Heimatschutz sein Forschungslabor durchsucht, ist Els auf der Flucht. Das FBI ist ihm auf den Fersen. Ein Roadmovie durch die USA beginnt.

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