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Literatur Nach diesen drei Büchern verstehen Sie Shakespeare besser

William Shakespeares Welt war eine Welt im Umbruch – eine verunsicherte Gesellschaft, in der der Tod allgegenwärtig war. Auch nach 450 Jahren hat der grosse Dramatiker nichts von seiner Faszination verloren, fast im Tagesrhythmus erscheinen neue Bücher über ihn. Darum: drei aktuelle Empfehlungen.

Buch von Shakespeare von 1623.
Legende: Die «First Folio»: Gesamtausgabe von Shakespeare-Stücken von 1623 an einer Versteigerung in London. Reuters

Das elisabethanische England war eine verunsicherte Gesellschaft: Pest, Missernten, die schnell zu Hungersnöten führten, alltägliche Messerstechereien. Der Tod war allgegenwärtig. England hatte ein Jahrhundert der Kriege hinter sich: Erbfolgekriege und Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten. Das Land lebte in einem Klima der permanenten Unsicherheit. Shakespeares Zeit war zwar eine Zeit relativen Friedens, aber wie gefährdet, wie labil dieser Friede war, sass allen in den Knochen.

Gemälde von William Shakespeare.
Legende: «The Flower portrait of William Shakespeare» von 1609. Wikimedia/The Washington Times

Shakespeares Welt war eine Welt im Umbruch. Das Mittelalter mit seinen strengen, aber eben auch klaren Normen – Glaube und Aberglaube – ging zu Ende, die frühe Neuzeit mit ihrem unübersichtlichen Forschungsdrang war eben erst angebrochen, das führte zu so etwas wie einem weltanschaulichen Vakuum. Die Welt war rund geworden, sogar von einem Engländer schon umsegelt, Sir Francis Drake. Aus Italien verstörten Machiavellis Thesen, dass ein erfolgreicher Herrscher nicht unbedingt auch ein edler Mensch sein muss; aus Frankreich Michel de Montaignes grundlegende Skepsis an aller Gewissheit. Bisher für unverbrüchlich geltende Normen und Dogmen waren erschüttert. Die Werte wurden janusköpfig – mit ihrer gefährlichen Ambivalenz kämpfen Shakespeares Figuren.

Drei Buchempfehlungen

Zu Shakespeare erscheinen die Buchveröffentlichungen im Tagesrhythmus – aus der Unzahl stechen drei heraus, die besonders einleuchten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Shakespeare in seiner Zeit verorten und dass sie einen kritischen Blick werfen auf die Shakespeare-Rezeptionsgeschichte, die den so vertraut wirkenden Fremden oft mehr vereinnahmt als vermittelt hat.

Neil MacGregor: «Shakespeares ruhelose Welt»

Für wen: Für alle, die in die Tiefe von Shakespeares Welt gehen möchten und Shakespeare aus seiner Zeit heraus verstehen wollen.

Neil MacGregor ist Kunsthistoriker, seit 2002 Direktor am British Museum. Die Texte, die er in Buchform versammelt, entstanden für die BBC: MacGregor erzählt anhand von 14 konkreten Gegenständen (wie schon in seiner «Geschichte der Welt in 100 Objekten»), wie Shakespeares Welt aussah. Da gibt's zum Beispiel eine Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert, einen feschen Degen oder eine Konfektgabel, die jemand im Theater liegen liess. Auf den ersten Blick geben die Objekte wenig her – MacGregor bringt sie zum Sprechen. Und es ist erstaunlich, wie viel so eine Gabel zu erzählen hat! Zum Beispiel, was zu Shakespeares Zeit der letzte Schrei war, aber auch wer ins Theater ging, wie sich die sozialen Schichten mischten, wie sie sich öffentlich gern gaben – Shakespeares London aufersteht auf die anschaulichste Weise.

Frank Günther: «Unser Shakespeare»

Für wen: Für alle, die sich ein eigenes Bild von Shakespeare machen wollen

Wenn Shakespeare heute auf deutschsprachige Bühnen kommt, steht im Programmheft meist «Übersetzung: Frank Günther». Seit vier Jahrzehnten beschäftigt sich Günther mit Shakespeare und den Tücken seiner Übertragung in zeitgemässe Sprache und eine heutige Vorstellungswelt – was man über Shakespeare wissen kann, weiss er. Zum Jubiläum legt er zwei Publikationen vor, die Anthologie «Shakespeares WortSchätze», ein zweisprachiges Lesebuch, in dem er Shakespeare-Texte thematisch vorstellt, und «Unser Shakespeare»: die vergnügliche, überaus lebendig geschriebene Auseinandersetzung mit Shakespeare und seiner permanenten Neuentdeckung in allen Zeiten. Inklusive einer sehr witzigen Parodie auf die Urheberschaftsdebatte («Wer war Shakespeare?») – Günther hat da nämlich seine ganz eigene, absolut schlüssige Verschwörungstheorie.

Isaac Asimov: «Shakespeares Welt. Was man wissen muss, um Shakespeare zu verstehen»

Für wen: Für alle, die viel locker erzähltes Kontextwissen zu Shakespeares Stücken suchen.

Isaac Asimov war Science-fiction-Autor; in diesem Sachbuch geht er kommentierend Shakespeares Stücken entlang und stellt sie in ihren historischen und mythologischen Kontext. «Asimov’s Guide to Shakespeare» erschien in zwei dicken Bänden 1970 in New York: auf über 1500 Seiten. Nun liegt der gigantische «Reiseführer» in Auszügen zum ersten Mal in Deutsch vor. Zur Darstellung gelangen die zwölf meistgespielten Stücke – immer noch auf 580 Seiten. Jede einzelne davon ist imprägniert mit Asimovs Faszination, seiner Begeisterung dem Stoff gegenüber und seiner (typisch US-amerikanischen) Erklärlust. Die Erläuterungen sind detailliert und kenntnisreich – auch für die Neuausgabe nochmal sorgfältig redigiert und teilweise korrigiert – und leicht verständlich; setzen auf der anderen Seite aber auch null und nichts voraus. Das heisst, im Überschwang des pädagogischen Eros erklärt Asimov auch vieles, was ein durchschnittlich gebildeter Leser schon zwei-, dreimal gehört hat, beispielsweise was eine Amazone ist oder dass Mailand in Norditalien liegt – das sind dann die Bremsklötze bei einer im übrigen befeuernden Lektüre.

Buchhinweise

  • Neil MacGregor: «Shakespeares ruhelose Welt». Aus dem Englischen von Klaus Binder. C.H. Beck Verlag, München 2013.
  • Frank Günther: «Unser Shakespeare». Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014.
  • Isaac Asimov: «Shakespeares Welt. Was man wissen muss, um Shakespeare zu verstehen». Deutsche Erstausgabe. Alexander Verlag, Berlin 2014.

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