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Literatur Neue Schnitzler-Novelle ist keine Sensation, aber gut erzählt

Laut Verlag ist es eine «sensationelle Entdeckung»: Arthur Schnitzlers bisher unveröffentlichtes Jugendwerk «Später Ruhm». Ob die Novelle wirklich eine Sensation ist, darüber sind die Meinungen geteilt. Eine gute Erzählung ist es aber allemal.

Sein Jugendwerk ist umstritten: Arthur Schnitzler (1862–1931).
Legende: Sein Jugendwerk ist umstritten: Arthur Schnitzler (1862–1931). Wikimedia/Ferdinand Schmutzer

Was eine Novelle von 140 Druckseiten alles auslösen kann: Um Arthur Schnitzlers Erzählung «Später Ruhm» tobt ein temperamentvoller Germanistenstreit. Der Zsolnay-Verlag vermarktet das Werk als «sensationelle Entdeckung» und «frühes Meisterwerk». Die Wiener Germanistin Konstanze Fliedl hält mit Verve dagegen: Die Existenz der Novelle sei längst bekannt, das Typoskript liege seit einem dreiviertel Jahrhundert an der Uni Cambridge und sei dort für Schnitzler-Forscher seit jeher zugänglich. Von einer «Sensation» könne also ebenso wenig die Rede sein wie von einem «Meisterwerk», moniert Fliedl. Der literarische Wert der Erzählung sei gering, Schnitzler selbst habe sie nicht für veröffentlichenswert gehalten.

«Das kann man so nicht sagen», hält der in Wien lehrende Germanist Wilhelm Hemecker dagegen. «Schnitzler hat den Text sehr wohl zur Publikation vorbereitet. Und die Qualität der Novelle ist durchaus beachtlich.»

Bohemines verehren das Werk eines Beamten

Worum geht’s in Schnitzlers Jugendwerk? Im Brennpunkt des Geschehens steht der k.u.k.-Beamte Eduard Saxberger, seit 35 Jahren im Staatsdienste stehend. In seiner Jugend – lang ist’s her – hat der melancholisch veranlagte Endsechziger einen weithin unbeachteten Gedichtband veröffentlicht. Eines Tages spricht nun ein junger Mann bei Saxberger vor und eröffnet dem erstaunten Beamten, dass just dieser nur noch antiquarisch erhältliche Gedichtband Gegenstand unbändiger Verehrung sei. Und zwar in einem Kreis jugendlicher Bohemiens, der sich regelmässig in einem Wiener Innenstadt-Café zum Zwecke geselligen Beisammenseins träfe.

Die Bewunderung der jungen Leute schmeichelt dem Alten. Er wird zum Habitué in diesem Kreis kapriziöser Nachwuchs-Autoren, die ihn mit offenen Armen in ihrer Kaffeehausrunde empfangen – und schliesslich schwer enttäuschen.

Keine Schlüsselerzählung ...

Schnitzler hat in seiner Erzählung eigene Erfahrungen verarbeitet. In den 1890ern war der literarisch ambitionierte Nachwuchsmediziner Mitglied der Künstlergruppe «Jung-Wien», in der sich Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Hermann Bahr und eben Arthur Schnitzler daranmachten, der österreichischen Literatur den Weg in die Moderne zu bahnen.

«Später Ruhm» ist keine Schlüsselerzählung, das nicht, aber in der einen oder anderen Figur lassen sich unschwer reale Vorbilder ausmachen. Der kahlköpfige Literat Linsmann, ein grosser Schnorrer, trägt unübersehbar Züge des chronisch klammen Meister-Feuilletonisten Peter Altenberg, der wie die Aktivisten des «Jung-Wien» im «Café Griensteidl» am Wiener Michaelerplatz zu verkehren pflegte. Im «kleinen Winder», einem hochbegabten Gymnasiasten, lässt sich der junge Hugo von Hofmannsthal erkennen. Und die Schauspielerin Ludwiga Gasteiner, eine absinthsüffelnde Diva mit apart umschatteten Augen und verwüsteten Gesichtszügen, diese Ludwiga Gasteiner ist unverkennbar der exzentrischen Mimin Adele Sandrock nachgezeichnet, mit der Schnitzler Mitte der 1890er-Jahre eine tumultuöse Affäre unterhielt.

... aber nicht ohne Reiz

Ob die Edition des Zsolnay-Verlags strengsten, allerstrengsten literaturwissenschaftlichen Ansprüchen genügt, darüber lässt sich streiten – und die Germanistenzunft wird das in Zukunft noch hingebungsvoll tun. Als gemeiner Schnitzler-Liebhaber freilich ist man froh, eine bisher ungedruckte Novelle des Meisters in einem apart gestalteten Bändchen endlich greifbar zu haben – der Weg nach Cambridge ist auch für den leidenschaftlichsten Schnitzler-Verehrer doch ein arg strapaziöser.

Und die Qualität der Novelle? Die Literaturgeschichte des Fin de Siècle wird man nach der Publikation des Bändchens gewiss nicht neu schreiben müssen – dennoch ist die Lektüre von «Später Ruhm» nicht ohne Reiz. Es handelt sich um eine charmante, gut gearbeitet Erzählung, die man als Schnitzler-Fan in zwei, drei Stunden nicht ohne Lustgewinn wegschmökert. Und das ist mehr, als man von einem Gutteil der heute geschriebenen Bücher behaupten kann.

Buchhinweis

Arthur Schnitzler: «Später Ruhm», Novelle, hrsg. von Wilhelm Hemecker und David Österle. Zsolnay-Verlag, 2014.

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