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«Ein Sommer in Niendorf»: Anwaltsprosa mit Alkoholproblem
Aus Kultur-Aktualität vom 14.06.2022.
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Neuer Roman von Heinz Strunk «Ein Sommer in Niendorf»: Hier kriegt das Glück einen Strandkorb

«Fleisch ist mein Gemüse» machte Heinz Strunk zum Star. In seinem neuen Buch geht es um den sozialen Abstieg – und Alkohol.

Heinz Strunk beisst in ein Lachsbrötchen, während wir auf der Strandpromenade von Niendorf spazieren. «Ist noch gar nichts los, klar, bei dem Wetter», sagt er mit derart vollem Mund, dass ich ihn erst verstehe, als er den Satz wiederholt.

Es ist einer der letzten kühlen Tage an der Ostsee Ende Mai. Strunk hat seine Wollmütze ins Gesicht gezogen. Die Sonne lässt sich hinter dem Wolkenteppich nicht mal erahnen, die Strandkörbe sind verwaist.

Schriftsteller, Musiker, Entertainer

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Heinz Strunk landete mit «Fleisch ist mein Gemüse», seinem autobiograischen Roman über seine Zeit als Musiker in einer Tanzkapelle, gleich einen Überraschungserfolg.

Auch sein später verfilmter Roman «Der goldene Handschuh» war ein Bestseller. 2016 erhielt Strunk den Wilhelm-Raabe-Preis.

Hier in Niendorf, nahe Lübeck, mietet Georg Roth, 51, promovierter Wirtschaftsanwalt aus Hamburg und Hauptfigur in Strunks neuem Roman «Ein Sommer in Niendorf», für drei Monate ein Apartment mit Meerblick, um ungestört seine Familiengeschichte aufzuschreiben. Er hofft auf einen Bestseller.

Roth ist zwar anfangs diszipliniert, kann aber nur Anwaltsprosa und wird auch noch andauernd vom penetranten Apartmentverwalter Markus Breda abgelenkt.

Schnaps aus Langeweile

Strunk deutet auf ein Gebäude mit Plastikstühlen auf den Balkonen. «Hier hat der Herr Breda, der in Wahrheit natürlich anders hiess, tatsächlich einige Apartments vermietet», erzählt der Autor und erinnert sich daran, wie er vor etlichen Jahren in einem dieser Apartments drei Monate verbringen wollte.

«Aber nach zwei Wochen wurde mir so langweilig, dass ich davon Abstand genommen habe», erzählt er. Allerdings freundete er sich mit dem Verwalter seines Apartments an, hielt den Kontakt bis zu dessen Tod 2015. Dieser Mann war der Auslöser zum Schreiben des neuen Romans.

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Aus dem Archiv: Heinz Strunk bei Giacobbo/Müller
Aus Giacobbo / Müller vom 19.04.2009.
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 32 Sekunden.

Durch den Einfluss Bredas, eines Alkoholikers, der im Zweitjob fatalerweise Inhaber eines Spirituosengeschäfts ist, bekommt auch Roth ein Alkoholproblem. «Meine alkoholischen Erfahrungen oder vielleicht auch Probleme sind da schon eingeflossen», gibt Heinz Strunk freimütig zu.

«Ich hatte gerne um acht zur ‹Tagesschau› eine Flasche Champagner auf dem Tisch. Aber die war dann um halb zehn geleert», erinnert er sich. Dann habe er aus Langweile noch Schnaps getrunken. «Und das war einfach richtig scheisse.»

Schmirgeln bis zum rettenden Satz

Erfrischend skurril schildert Strunk, der durch seinen Bestseller «Fleisch ist mein Gemüse» sozial aufstieg, den sozialen Abstieg Roths. Der hat die wahnhafte Vorstellung, sein Buch schreibe sich praktisch von allein, sobald er seinem Hirn einen Türöffner-Satz abtrotze.

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Auch dem Archiv: Heinz Strunk – Autor und Entertainer
aus Focus vom 27.04.2009.
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Strunk ist ein wunderbar tragikomischer Roman geglückt. Roth jedoch scheitert als Autor und versucht in seiner Midlife-Crisis vergeblich, eine viel zu junge Kellnerin ins Bett zu bekommen. Später zieht ihn zu seiner eigenen Verblüffung Bredas übergewichtige Freundin an.

Nächste Station: Strandkorbverleiher?

Überhaupt ist der erst unsympathische und oberflächliche Roth am Ende dieses Romans ein anderer. Er bleibt in Niendorf und nimmt einen Job an, für den er als Anwalt vollkommen überqualifiziert ist, wirkt aber nun zufriedener als zuvor.

Auch der Autor, Musiker und Entertainer Strunk hat sich schon gefragt, ob er nicht glücklicher wäre, wenn er eine andere Arbeit hätte. Etwa die eines Strandkorbverleihers.

Buchhinweis

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Heinz Strunk: «Ein Sommer in Niendorf». Rowohlt, 2022.

«Ich müsste mich jetzt mal ein Jahr lang in die Niendorfer Strandkorbszene begeben», führt Strunk das Gedankenspiel weiter. Erst dann könnte er sagen, ob er zu seinen bisherigen Tätigkeiten zurückkehrte oder das Glück als Strandkorbverleiher genösse.

Die Strandkorbverleiher in Niendorf haben an diesem trüben Tag die Körbe verriegelt zurückgelassen und früher Feierabend gemacht. Am Strand sind wir allein mit dem beruhigenden Plätschern der Wellen.

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SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 14.6.22, 7:52 Uhr

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