Prosaminiaturen von Wilhelm Genazino

In seinem neuen Buch «Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands» versammelt Wilhelm Genazino kleine Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungen. Er schreibt über seine Stadt Frankfurt und über sich selbst. Analytisch und detailliert, aber immer kurz und bündig.

Die Skulptur eines kleinen Männchens in einem Schwimmring dümpelt in einer Pfütze.

Bildlegende: Ausschnitt aus dem Coverbild von Genazinos «Tarzan am Main». Hanser Verlag

«Als die Post noch Deutsche Bundespost hiess und keine Gewinne machen musste, gab es in den Stadtteilen schöne, grosse und – im Winter – auch geheizte Schalterhallen», schreibt Wilhelm Genazino in seinem neuen Buch «Tarzan am Main». Die Post, stellt er fest, die Post habe bis zu ihrer Privatisierung eine «Tendenz zur Gemeinnützigkeit» gehabt: In den Schalterhallen machten die Mütter ihre Säuglinge frisch, Rentnerinnen assen ihre mitgebrachten Brote, und alte Herren kontrollierten ihre Brieftaschen.

Heute ist die Post zur Untermiete, die grossen Posthallen sind weitgehend verschwunden. Allerdings könne man nicht sagen, dass die Post ihre Aufgaben vernachlässige, so Genazino. Es gehe alles seinen gewohnten Gang. Nur: Beeindruckt sei von dieser Post niemand mehr.

Das Zeittypische im Blick

Wilhelm Genazino nimmt in seinen Romanen und Essays das Alltägliche und Unscheinbare in den Blick. Er fahndet nicht nach dem Spektakulären, sondern nach dem Zeittypischen. Er lebt seit vielen Jahren in Frankfurt am Main und macht die Stadt regelmässig zum Schauplatz seiner Bücher – auch in «Tarzan am Main», seinem jüngsten Buch.

Chronist des deutschen Alltags

Hier schreibt er detailliert und trotzdem immer kurz und bündig über Supermärkte und Kleinmarkthallen, über den Bahnhof und die U-Bahn, über Pendler und Ausländer, Verwahrloste und Bettler und über Trinker, die diskret ihre leeren Flaschen entsorgen und den Nachschub verschämt im Rucksack verstauen. In kurzen präzisen Betrachtungen reflektiert er Gegenwart und Vergangenheit und ist, was er immer ist: ein Chronist des deutschen Alltags.

Ende eines Schriftstellerlebens

«Tarzan am Main» ist nicht nur ein Buch über Frankfurt, es ist genauso ein Buch über Genazino selbst: über seine kleinbürgerliche Herkunft, über die Angst vor dem nächsten Buch und über die Frage, ob ein sinnvoll abgeschlossenes Ende eines Schriftstellerlebens überhaupt möglich ist.

Er kommt zum Schluss: «Der gewöhnliche Schriftsteller kann nur gewaltsam von seinem Werk getrennt werden: durch Krankheit, Alter, Tod.» Genazino weiss, wovon er spricht. Kurz bevor dieses Buch erschienen ist, hat er seinen 70. Geburtstag gefeiert. Ein Schriftsteller im Ruhestand ist er deshalb noch lange nicht.

Buchhinweis

Buchhinweis

Wilhelm Genazino: «Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands.» Hanser-Verlag, 2013.