«Querlesen» in Ernen: Dieses Bergdorf hat keine Berührungsängste

Das Erfolgsrezept von «Querlesen»? Lesbische und schwule Autorinnen und Autoren oder Bücher, in denen das Thema Homosexualität eine Rolle spielt. Dieses Literaturfestival findet nicht etwa in Zürich oder Berlin statt – sondern im Walliser Bergdorf Ernen. Einheimische und Zugereiste sind begeistert.

Bildmontage: Ein Regenbogen über dem idyllischen Bergdörfchen – bei strahlendem Wetter.

Bildlegende: «Querlesen», das schwul-lesbische Literaturfestival, ist auch bei den Einwohnern von Ernen beliebt. FLICKR/Musikdorf/Bildmontage

Ernen steht im Juli jeweils zwei Wochen lang ganz im Zeichen der Barockmusik und lockt Gäste an aus nah und fern. Vor diesem Hintergrund entstand 2008 die Idee eines eigenen Literaturfestivals, sagt der Intendant Francesco Walter: «Wir wollten dem Publikum noch einen kulturellen Mehrwert bieten». Anfänglich habe man sich gedacht, man werde interessante Autorinnen und Autoren einladen, «und wir lesen einfach querbeet durch die Literatur».

Von quer zu queer

Mehr durch Zufall als Konzept seien bei der ersten Auflage homosexuelle Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach Ernen gereist. Aus «Querlesen» wurde dann ein «Queerlesen» (engl. ‹queer› für homosexuell). «Wir haben es als Markenzeichen gleich beibehalten», so der Intendant.

Ein Aspekt habe sie in dieser Programmation noch ermutigt, ergänzt Francesco Walter: «Schwule und Lesben haben eine besondere Affinität für Barockmusik, deshalb sind viele im Sommer jeweils bereits vor Ort.»

Durchmischtes Publikum

Porträt von Franceso Walter.

Bildlegende: Er hat die Fäden in der Hand: Festival-Intendant Franceso Walter. Flickr/Franceso Walter

Die Akzeptanz im Dorf sei von Beginn weg sehr gross gewesen, betont Francesco Walter. Sicher auch deshalb, weil die Veranstalter nie ein «Insider»-Festival angestrebt hatten: «Querlesen soll ein breites, durchmischtes Publikum ansprechen.»

Drei Lesungen stehen jeweils auf dem Programm, moderiert werden sie stets von der deutschen Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger.

Notfallmedizin und sexuelles Begehren

Auch dieses Jahr gelang es Francesco Walter und seinem Team, drei hochkarätige Gäste nach Ernen zu locken. Den Auftakt machte der quirlige Berliner Autor Kristof Magnusson, der mit «Arztroman» ein hintergründiges und humorvolles Buch über den Alltag einer Notfallärztin geschrieben hat.

Gleich mit zwei Titeln präsent war die renommierte Journalistin und Publizistin Carolin Emcke. In ihrem Essayband «Weil es sagbar ist» verarbeitet sie ihre Erfahrungen als langjährige Kriegsreporterin. Emcke plädiert in ihrem Buch dafür, die Grausamkeiten zu benennen, denen Menschen in Konfliktgebieten ausgesetzt sind, statt sich in vage Floskeln wie «unsagbares Leid» zu flüchten.

Ganz anders die Thematik ihres zweiten Buches, das sie vorstellte: «Wie wir begehren». Hier geht sie der Frage nach, wie Frauen und Männer auf dem Weg zu ihrer sexuellen Identität sozialisiert und geprägt werden.

Familiärer Rahmen

Moderatorin Bettina Böttinger im Gespräch mit Hans Pleschinsky vor Publikum.

Bildlegende: Bettina Böttinger (rechts) führte die Gespräche – unter anderem mit Hans Pleschinski. Raphael Hadad

Den Abschluss machte der in München lebende Übersetzer und Schriftsteller Hans Pleschinski. Mit seinem mehrfach preisgekrönten Roman «Königsallee» hatte er für Furore gesorgt: Es ist die Geschichte des alten Thomas Mann, der 1954 zufällig in Düsseldorf im selben Hotel absteigt – gleich wie sein einstiger Geliebter Klaus Heuser, der im Werk des grossen Schrifstellers viele Spuren hinterlassen hat.

Alle drei Lesungen fanden im vollen Saal statt; und weil Ernen so klein und überschaubar ist, bietet es auch den idealen Rahmen, mit den Autorinnen und Autoren noch persönlich ins Gespräch zu kommen. Überhaupt lobten die Besucherinnen und Besucher den familiären Rahmen und die Offenheit, mit der hier auf dem Podium über Themen wie Erotik in der Literatur oder die Missverständnisse zwischen Heteros und Homosexuellen gesprochen wurde.

Mit Empathie und Leichtigkeit

Ein Verdienst kommt zweifellos der Moderatorin Bettina Böttinger zu, die die Gespräche mit grosser Leichtigkeit und Empathie führte. Sie war ursprünglich als Touristin nach Ernen gekommen. Nun schätzt sie die jährliche Wiederkehr ans «Querlesen»: «Wo gibt es das, dass sich Autorinnen und Autoren auf einem sehr hohen Niveau treffen, und sich tatsächlich über die Problematik der Geschlechterdefinition unterhalten – am Beispiel von guten, ausgesuchten Büchern?»

«Querlesen» hat ein klares Profil und die literarische Qualität ist ausserordentlich. Es erstaunt darum nicht, dass sich das Literaturfestival in nur sechs Jahren einen wichtigen Platz im Walliser Kulturkalender erobert hat.

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