«Raum für die Liebe!»

Antonio Skármeta gilt als einer der wichtigsten Autoren Lateinamerikas. Sein Roman «Mit brennender Geduld», in dem der Briefträger Mario sich von Dichter Pablo Neruda Liebesbotschaften schreiben lässt, war ein Welterfolg. Als Verfilmung «Il postino» erhielt die Geschichte 5 Oskar-Nominationen.

Nahaufnahme des Autors

Bildlegende: Gilt als einer der wichtigsten Autoren Lateinamerikas: Antonio Skármeta, 2010 an der Frankfurter Buchmesse. keystone

Schriftsteller, Asylant und Botschafter - so lässt sich Antonio Skármetas Biographie am besten beschreiben. Der chilenische Autor wurde durch seinen Erfolgsroman «Mit brennender Geduld» (1984) weltbekannt. Der Exilant Skármeta, der 1973 vor der Pinochet-Diktatur aus seiner chilenischen Heimat über Argentinien nach Deutschland geflohen war und hier 15 Jahre lang gelebt hat. Schliesslich der Botschafter, der für Chile im Jahr 2000 nach Berlin in diplomatischer Mission zurückkehrte, das Bundesverdienstkreuz erhielt und mit einer Deutschen verheiratet ist.

Wir treffen ihn in Chiles Hauptstadt Santiago. Skármeta ist ein warmherziger, charmanter und stets humorvoller Gastgeber und Romancier. Er spricht noch immer begeistert Deutsch, mit vielen Gesten, stets zuvorkommend und freundlich, im kariertem Hemd, grauem Anzug und schütterem Haar.

Radiokindheit

Skármeta wurde 1940 in der nordchilenischen Stadt Antofagasta geboren, seine Grosseltern verliessen Anfang des 20. Jahrhunderts ihre südosteuropäische Heimat in Richtung Chile. Bereits als kleiner Junge galt seine grosse Liebe dem Radio, wenn er zusammen mit seiner Grossmutter gespannt vor dem Transistorapparat sass und Hörspielen lauschte. Manchmal sei damals der Strom ausgefallen, erinnert sich Skármeta, dann musste er für die Grossmutter einen möglichen Schluss der Geschichte erfinden. Auf diese Art habe seine Karriere als Erzähler begonnen, sagt er und lächelt verschmitzt.

Skármeta ist jetzt 72, aber noch immer neugierig auf die Welt. Sein unverwüstlicher Optimismus hat seine Bücher und Arbeiten geprägt. Wie «Das Mädchen mit der Posaune» (2005), die Geschichte eines Waisenkindes, das 1944 in Begleitung eines Posaunisten nach Chile auswandert. In schwierigen Situationen, so lautet Skármetas eigenes Motto, gelte es, dem Leben das Beste abzugewinnen.

Mein Vater aus Paris

Derzeit arbeitet er an einem neuen Roman, der im lateinamerikanischen Milieu New Yorks spielt. Ob es dabei wieder um Liebe und Politik geht? «Liebe, ja, aber nicht um Politik. Das ist nicht mehr so notwendig. Die Situation in Chile hat sich geändert. Wir haben jetzt eine Demokratie. Wir können arbeiten und frei atmen. Jetzt gibt es viel mehr Raum für die Liebe, für Abenteuer und Humor», so seine Antwort.

Das gilt auch in seinem letzten Roman «Mein Vater aus Paris» (2011). Die Handlung dieser Vater-Sohn Beziehung spielt in einem kleinen gottverlassenen südchilenischen Dorf. Ein Ort, in dem nicht viel passiert, ein melancholischer Roman über Enttäuschung, Lüge und die erste Liebe. Der Roman zeichnet sich durch einen sehr einfach anmutenden Stil aus. Skármeta wollte weg von der «brutalen Tagesaktualität. Ich wollte keine Nebengeräusche und Ablenkungen, sondern eine Stimmung wie bei einem unplugged Konzert ohne Strom!»

Vorbild Neruda

Zu den grossen Vorbildern Skármetas gehört Pablo Neruda. Die Schwedische Akademie hatte dem chilenischen Schriftsteller 1971 den Nobelpreis für Literatur verliehen und bezeichnete ihn als einen «Dichter der verletzten Menschenwürde». Skármeta hat kürzlich ein Buch über ihn geschrieben «Mein Freund Neruda» (2011), keine gelungene Übersetzung des spanischen Originals, so der Autor: «Neruda durch die Augen von Skármeta», das sei treffender,  «das Buch ist eine Art Hommage.» Das gilt auch für Skármetas Bestseller «Mit brennender Geduld».

Der Bestseller wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt und gleich zweimal verfilmt. «Der Postmann» («Il postino», 1994), mit Philippe Noiret in der Hauptrolle, erhielt fünf Oscar-Nominierungen. 2010 wurde der Roman sogar als Oper auf die Bühne gebracht, unter anderem mit Placido Domingo in der Titelrolle als Pablo Neruda. Ein riesiger Erfolg.

Verführerische Verse

Warum ist Skármeta 30 Jahre nach «Brennender Geduld» literarisch wieder zu Neruda zurückgekehrt? Skármetas Antwort: «Ich werde immer gefragt, was für ein Mensch Neruda war, welche Beziehung ich zu ihm hatte. Darauf wollte ich antworten. Deshalb habe ich eine Anthologie der schönsten Gedichte Nerudas zusammengestellt und liefere dazu Interpretationen.»

Viele Menschen würden Neruda imitieren, sagt Skármeta, vor allem dessen Liebesgedichte. Die seien auch heute noch «sehr verführerisch». Gerade junge Menschen spürten das und benutzten die Gedichte, um selber zu verführen. Und dann rezitiert Skármeta schnell noch ein Gedicht von Neruda. Ganz aus dem Stehgreif, mit geschlossenen Augen und vibrierender Stimme, mal sanft und dann voller Energie, Ode an die Luft.

Exilant in Deutschland

«Mit brennender Geduld» hatte Skármeta in Deutschland geschrieben. 1973, nach dem Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, kam Skármeta durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst in die Bundesrepublik. Bis zum Ende der Pinochet-Diktatur lebte Skármeta in Berlin.

Er schrieb Hörspiele über Ausländerfeindlichkeit, arbeitete an der Film- und Fernsehakademie, verfasste Drehbücher, in denen er unter anderem die Alltagsnöte chilenischer Emigranten in Deutschland schilderte («Aus der Ferne sehe ich dieses Land», 1978). In Deutschland entstanden mehrere literarische Arbeiten, darunter «Der Radfahrer von San Cristóbal» (1986).

Heute schaut Skármeta altersweise, sanft und melancholisch auf seine deutschen Jahre zurück: 15 Jahre hat Skármeta in der Bundesrepublik gelebt, «ein bisschen hat mich die deutsche Mentalität geprägt», sagt er, auch «stilistisch als Romancier».

Als Botschafter in Berlin

1989, nach dem Ende der Pinochet-Diktatur, kehrte Skármeta nach Chile zurück. Er wollte am Aufbau der Demokratie mitwirken, sagt er rückblickend. Im Jahr 2000 bekam er das Angebot vom damaligen Präsidenten Ricardo Lagos, als Botschafter nach Deutschland zu gehen: «Ich dachte mir, wir Intellektuellen sollten nicht nur schreiben, sondern auch am politischen Leben teilnehmen. Ich war hier im Exil, hatte viele Beziehungen aufgebaut und kannte viele Politiker.» Die Deutschen sollten sehen, dass Chile sich verändert hatte und endlich demokratisch war.

Leider, sagt Skármeta, habe er damals nicht viel als Schriftsteller arbeiten können, denn die Themen und Menschen für seine Geschichten habe er auf den Botschaftsempfängen und Galadiners nicht gefunden. Ihm stünden Menschen nahe, die im Schatten des Reichtums leben, verstossen wurden, emigrieren mussten – Skármetas grosses literarisches Thema bis heute. Im Jahr 2003 verlor er die Lust am staatlichen Repräsentieren und kehrte mit seiner Familie nach Santiago zurück.

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