Schattenspender oder Galgen: die ältesten Bäume dieser Welt

Was könnten Bäume alles erzählen, wenn sie reden könnten! In ihrem Buch «Das Leben der Mächtigen» reist die Schweizerin Zora del Buono zu den ältesten und interessantesten Bäumen in Europa und den USA. Entstanden ist eine Art Reiseliteratur, gespickt mit kulturhistorischen und botanischen Details.

Geäst einer dicken, moosbewachsenen Eiche.

Bildlegende: Die Angel Oak ist geschlagene 20 Meter hoch. Flickr/ David B. Gleason

Bäume haben es der Schweizer Autorin Zora del Buono angetan. Vor allem die ganz alten, ganz dicken und ganz grossen faszinieren sie. Darum schaut sie in ihrer Berliner Wohnung gerne aus den grossen Fenstern auf den Viktoriapark.

Im Sommer ist das Blattdach dicht. Im Winter recken die Bäume ihre nackten Zweige gegen den Himmel. Auch das sei interessant, findet del Buono. «Bäume erinnern einen immer ans Leben und Sterben. Darum stehen sie mir nahe», sagt die 53-Jährige.

Grosser Baum in schattigem Wald

Bildlegende: Im Schatten der dicken Marie sass schon Goethe. Zora del Buono / Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH"

Erhängte Sklaven an der Lebenseiche

Das Wechselspiel zwischen Architektur und Bäumen interessiert die ausgebildete Architektin. «Es ist schon beeindruckend zu beobachten, wie sich Bäume der Stadtarchitektur anpassen.» Auch der Zusammenhang zwischen Baum und Mensch interessiert sie. Darum ist sie ein Jahr lang zu Bäumen gereist, die viel zu erzählen hätten, wenn sie reden könnten.

Wie Bäume mit Geschichte und Geschichten aufgeladen seien, habe sie zum Beispiel unter der Angel Oak in South Carolina deutlich gespürt. Die riesige Virginia-Eiche, auch Lebenseiche genannt, hat eine gigantische Krone mit menschendicken Ästen. Ihre matt glänzenden Blätter sind auf der Unterseite weisslich filzig behaart. Die Angel Oak ist zwischen 500 und 1500 Jahre alt. Nach der Kolonialisierung wurden revoltierende Sklaven an ihr erhängt.

Menschen, die Bäume jagen

Zora del Buono verknüpft botanische Details, mit den Lebensgeschichten von Baumjägern, Naturforschern, Königinnen, würzt alles mit viel kulturgeschichtlichem Wissen und lässt Menschen auftreten, denen sie auf ihren Reisen zu den Bäumen begegnet.

Da ist der Förster, den sie beim ältesten Baum in Berlin trifft, der dicken Marie. Er erzählt ihr, wie bereits Goethe ihren kühlenden Schattenwurf geschätzt habe und wie der Baum unter den Nationalsozialisten zum Naturdenkmal wurde.

Hohe, dünne Tanne in verschneiter Landschaft

Bildlegende: Old Tjikko gilt als ältester Baum der Welt. Zora del Buono / Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH"

In Schweden stampft Dick Blaauboer mit der Autorin im schwedischen Nationalpark Fulufjället durch den Schnee, um ihr Old Tjikko, den ältesten Baum der Welt, zu zeigen. Es ist eine über 9'500 Jahre alte Fichte. Sie ist mager und vom Wind zerzaust. Mit 40 Zentimetern Stammumfang eigentlich ein Winzling und wahrlich keine Schönheit.

Ein «Wow!» für jedes Bäumchen

«Ein so kleines, dünnes Bäumchen, an dem man glatt vorbei gehen würde, ist so weltberühmt – das ist schon irgendwie rührend», erinnert sich del Buono lachend an ihre abenteuerliche Winterwanderung zu Old Tjikko.

Jedem Reisebericht ist eine Farbfotografie vorangestellt. So hält man ein lehrreiches und pfiffig geschriebenes Buch, das einem allenthalben ein staunendes «Wow» entlockt, in der Hand. Allen grossen und kleineren Baumriesen wird man in Zukunft mit Ehrfurcht begegnen.

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