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Schweizer Buchpreis Überraschungssiegerin Anna Stern schlägt die Favoriten

Überraschung beim Schweizer Buchpreis: Anna Stern gewinnt mit ihrem Roman «Das alles hier. jetzt». Die favorisierten Charles Lewinsky und Dorothee Elmiger haben das Nachsehen.

Es ist eine gute Wahl. Denn Anna Stern hat mit ihrem vierten Roman ein ganz eigenständiges Stück Schweizer Literatur geschaffen: überzeugend die Struktur, überzeugend die Sprache. Noch selten habe ich eine Autorin erlebt, die der Sprachlosigkeit der Trauer so kreativ mit Worten begegnet.

Anna Stern erzählt in «das alles hier. jetzt» von einem dramatischen Abschied: Eine Clique von Teenagern, seit Kindheitstagen miteinander verbunden, wird von der Nachricht überrumpelt: Ananke ist gestorben.

Die Betroffenen geraten ins Straucheln. Der Schock des Unwiederbringlichen wird überschattet von Erinnerungen. Wer trauert, fällt aus der Zeit, versucht krampfhaft, den Alltag irgendwie zu bewältigen, während die Gedanken immer wieder in die Vergangenheit abschweifen.

Poetische Miniaturen

Diesen labilen Zustand des Gespalten-Seins setzt Anna Stern auch formal um: links, in schwarzer Schrift, schildert sie Momente der Gegenwart; rechts, in grauer Schrift, frühere Szenen mit Ananke. So überlässt die Autorin uns Lesenden die Wahl, wie stark wir uns selbst in den Schmerz hineinziehen lassen wollen.

Buchhinweis

Anna Stern: «das alles hier, jetzt». Elster & Salis, 2020.

Diese Notate sind wunderschöne poetische Miniaturen; knappe, eindringliche Sätze, die auf Plattitüden und unnötige Sentimentalität verzichten. Anna Stern ist Naturwissenschafterin und Forscherin; genauso präzise, wie sie wohl ihre Experimente durchführt, analysiert sie die aufgewühlte Seelenlage der Teenager.

So überrascht sie uns dann auch mit einem Schluss, der kühner und überzeugender nicht sein könnte; jedenfalls werden wir mit einer gewissen Zuversicht wieder in den Alltag entlassen.

Kein Kompromiss

Viele mögen in Anna Stern nun eine Kompromiss-Siegerin sehen. Denn seit Wochen wurden Wetten abgeschlossen, ob eher Charles Lewinsky oder Dorothee Elmiger das Rennen machen würde. Beide standen zum dritten Mal auf der Shortlist; und man orakelte, wem die Jury wohl eher eine dritte Niederlage zumuten möchte.

Konträrer könnten die aktuellen Werke der Favoriten nicht sein: Lewinskys mittelalterlicher Schelmenroman «Halbbart» feiert die Macht des Erzählens; Elmigers Buch «Aus der Zuckerfabrik» will genau das nicht: eine lineare Geschichte erzählen.

Mut zum Experiment wird belohnt

Dass die Wahl nun auf keines dieser literarischen Schwergewichte gefallen ist, sondern auf eine erst 30-jährige Schriftstellerin, die zurzeit an der ETH doktoriert, darf durchaus als positives Signal gedeutet werden: Dass sich nämlich die Jury – wie sie immer behauptet – tatsächlich nur auf die fünf nominierten Bücher konzentriert, und sich nicht durch frühere Konstellationen, bekannte Namen oder gar falsches Mitleid leiten lässt.

Der Verdacht liegt nahe, dass Anna Stern die einzige Nominierte war, die eine Jury-Mehrheit für sich gewinnen konnte. Und so gesehen ist Anna Stern eben keine Kompromiss-Siegerin, sondern eine junge Literatin, deren Mut zum poetischen Experiment und deren kreativer Umgang mit einem schwierigen Thema am meisten überzeugte.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, SRF 2 Kultur extra, 8.11.2020, 12:00 Uhr.

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3 Kommentare

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